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	<description>Ihr Reiseführer nach Absurdistan</description>
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		<title>Guzziunser</title>
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		<pubDate>Fri, 15 Jun 2012 20:06:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Von Oliver Zajac Wenn man ein altes Motorrad kauft, so wie ich ein altes Motorrad gekauft habe, das zudem eine Moto Guzzi ist, welches somit über die Jahrzehnte zwangsläufig von Guzzisten betrieben worden sein muss, die als ausserordentlich bastelfreudig gelten, &#8230; <a href="http://www.schriftgeschwindigkeit.de/2012/06/15/guzziunser/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Von Oliver Zajac</p>
<p>Wenn man ein altes Motorrad kauft, so wie ich ein altes Motorrad gekauft habe, das zudem eine Moto Guzzi ist, welches somit über die Jahrzehnte zwangsläufig von Guzzisten betrieben worden sein muss, die als ausserordentlich bastelfreudig gelten, und von denen einige auch noch zu aussergewöhnlich genialen Einfällen neigen, wie beispielsweise der Montage eines Seitenständers, der bei Betätigung desselben mein Motorrad exakt im 90 <span id="more-139"></span>Grad Winkel zum Boden abstellte, es somit zitternd in Balance hielt, wobei der leiseste Lufthauch von der falschen Seite es hätte jederzeit umwerfen können, oder auch die lässige Genialität, mit dem einer meiner Vorgänger den Ölentlüftungsschlauch direkt vor dem Hinterrad baumeln liess, damit dieses jederzeit und vollumfänglich und praktischerweise gleich mit geschmiert werde, der sollte wissen, dass er nicht nur ein Motorrad sondern ein Motorrad mit einer Geschichte gekauft hat, und dass Geschichte, wie ein jeder weiss, nicht immer und ausschliesslich nur durch Genies geschrieben wird. Wenn man also ein altes Motorrad mit Geschichte kauft, so wie ich ein Motorrad mit Geschichte gekauft habe, der weiss zum Zeitpunkt des Kaufs nicht wirklich, was er bekommt, da die Zeichen dieser Geschichte, der Guzzigeschichte, sich nicht nur in den TÜV-Protokollen, Fahrzeugpapieren und Werkstattrechnungen finden oder an der Oberfläche der Guzzi, an den zerbrochenen Kühlrippen, den ausgeschlagenen Vergasern und dem verrosteten Tank abgelesen werden können, sondern sich auch bis tief in ihr Innerstes, in ihre Kolben, Zylinder und Pleuel festgeschrieben haben, weshalb es absolut notwendig ist, das Gefährt, dem man doch immer wieder sein Leben anvertrauen möchte, zum Zwecke der Prüfung seiner Zeichen nach dem Erwerb zu zerlegen.</p>
<p>Und weil ich noch nie ein Motorrad zerlegt habe und weil ich bis zum letzten Winter auch noch nicht einmal wusste, wie man ein Motorrad zerlegt, und mir selbst dieses Wissen kaum weiter geholfen hätte, wenn ich nicht auch noch wüsste, ob das bei der Zerlegung Vorgefundene in den zerlegten Motor gehört oder nicht, habe ich bereits letzen Sommer eine Telefonnummer gewählt, die einem Mann gehört, der sehr wohl weiss, was in eine Moto Guzzi gehört oder nicht, habe unverzüglich einen Termin vereinbart und einige Tage später eine mal wieder nicht fahrbereite Guzzi im Guzzi-Shuttle zu dem Mann mit der Telefonnummer gefahren, der die Guzzi noch im Shuttle lange schweigend musterte, der guzzischaute und guzziverstand, die Guzzi sodann vorbei an den Schrott-Teilen in seiner Vorhalle durch den sich anschliessenden langen Gang mit den dort abgestellten reparierten, gelagerten, noch nicht fertig gebauten, halb zerlegten, alten und neuen Guzzen in seine Werkstatt schob, wo ich einige Tage später mein fahrbereites Motorrad ohne Tank mit Tank wieder abholte, und er mir, nachdem er mir erklärte, was an meiner Guzzi mal wieder alles zu richten gewesen war, grinsend den Satz mit auf den Weg gab: „Und wenn sie dir ausgeht, dann machst du sie eben wieder an.“</p>
<p>Und wenn sie mir ausgeht, dann mach&#8217;  ich sie wieder an.</p>
<p>Und natürlich sollte mir die Maschine an den folgenden Tagen und Wochen sehr oft ausgehen, sie sollte mir ausgehen an roten Ampeln, an Kreuzungen und nach längeren Talfahrten und immer wieder machte ich sie wieder an und irgendwann dämmerte es mir, dass es sich bei diesem Satz, den der Mann mit der Telefonnummer so beiläufig ausgesprochen hatte, keineswegs um eine der beliebigen Platitüden mit fast tautologischem Inhalt handelte, nein, dieser Satz, offenbart von Jens Hofmann oder auch Mister Guzzi oder auch hauptamtlicher Guzzi-Schamane aus Flörsheim oder auch Geschäftsführer der <a href="http://www.dynotec.de/" target="_blank">Firma Dynotec</a>, welcher für einige der abgefahrensten Guzzi-Kreationen der Neuzeit verantwortlich zeichnet, beinhaltete nichts anderes als das Credo des Guzzisten, die reine und unverfälschte Lehre des Guzzismus, das in guzzi-orthodoxer Exegese nichts anderes bedeutet, als dass diese Maschinen fahren, sie auch im hohen Alter eben nicht hochglanzpoliert im Wohnzimmer herumstehen oder schlimmer noch, auf dem Anhänger von Veteranentreffen zu Veteranentreffen gekarrt werden oder sonntags bei strahlendem Sonnenschein vor Biergärten und Eisdielen im liebevollst restaurierten und kataloggetreuen „Originalzustand“ vor sich hin parken. Eine Guzzi versieht ihren Dienst immer und überall, eine Guzzi fährt &#8211; immer &#8211; und sollte sie dies aus den unterschiedlichsten Gründen, zu denen wir gleich kommen, einmal nicht können, wird sie eben wieder angemacht. So einfach ist das nämlich.</p>
<p>Weil es auf Dauer aber recht ermüdend ist, die Guzzi immer und immer wieder anzumachen, haben Jens und ich einen Guzzi-Biopsie-Termin für den letzten Winter vereinbart, um den Gründen für die gelegentlichen Unpässlichkeiten des Motorrads ohne Tank mit Tank nachzuspüren. „Also gut,“ sagte er, „dann bringst du mir Motor und Getriebe im Dezember.“, woraufhin ich verdutzt nachfragte, wie er das denn meine, <em>Motor und Getriebe im Dezember</em>, und ob das vielleicht so zu verstehen sei, dass ich das Motorrad zuvörderst zu zerlegen habe &#8211; eine Aufgabe, die ich eigentlich ihm zugedacht hatte. „Du schaffst das schon.“, grinste er wieder.</p>
<p>Ich schaff’ das schon.</p>
<p>Eigentlich unnötig darauf hinzuweisen, dass es sich bei diesem kurzen und lapidaren Satz in Wahrheit eben nicht um einen kurzen und lapidaren Satz handelt, sondern vielmehr um ein ganz zentrales Element des Guzzismus. „Ich schaff’ das schon“ ist, wenn man so will, das Guzziunser eines jeden Guzzisten, der sich in den Kopf gesetzt hat, seine eigene, unverwechselbare Guzzi zu erschaffen. „Ich schaff’ das schon“ wird gerade während des Winterhalbjahre tausendfach nach Feierabend und an den Wochenenden in deutschen Garagen und Hobbywerkstätten gemurmelt, gebetet oder beinahe geflucht, wenn sich deutsche Guzzisten mit italienischer Genialität konfrontiert sehen, die sie nach ihrem Wünschen verbessern oder umgestalten wollen, wozu sie sich u. a. eines Gebrauchtteilemarktes bedienen, der ausweislich des Anzeigenteils des Zentralorgans des deutschen Guzzismus, der Motalia, und diverser Internetportale ungeheuer reichhaltig ist, weshalb angesichts des relativ geringen Marktanteils von Moto Guzzi, der unter der Ein-Prozent-Marke rangiert, daraus nur gefolgert werden kann, dass mindestens 50 Prozent aller jemals in Deutschland zugelassenen Guzzen jederzeit in ihre Einzelteile zerlegt sind, die auf dem Markt angeboten und sodann, nach Veräusserung und Erwerb, auf dem Postwege von Guzzist zu Guzzist geschickt werden, welche diese Teile sodann mitunter in den wildesten Kombinationen irgendwie zusammenstöpseln, bevor sie diese Kreationen im nächsten Winterhalbjahr wieder zerlegen und verkaufen, sich mit neuen alten Teilen eindecken, diese wiederum zusammenstöpseln und wieder zerlegen, weshalb wiederum aufgrund der überschaubaren Zahl der deutschen Guzzisten und der jahrzehntelangen Praxis des Teilekaufs und -verkaufs zwingend davon ausgegangen werden muss, dass ein jeder deutsche Guzzist schon einmal die Guzzi jedes anderen  deutschen Guzzisten zumindest in Teilen gefahren hat. Nun könnte man ja sagen, dass die Guzzisten damit schon seit Jahrzehnten eine Frühform des carsharing, das so genannte guzzisharing, praktizierten, da die Teile als auch das dafür notwenige Kapital immer in einem geschlossenen Kreislauf zirkulierten, jedoch scheint nicht allen Guzzisten vollumfänglich klar zu sein, dass die Worte des Guzziunser „Ich schaff’ das schon“ eben nicht exakt die gleiche Bedeutung haben wie die Worte „Ich kann das auch“, zumal auch der Guzzismus unterschiedliche Strömungen und Lehrmeinungen kennt, die sich teilweise widersprechen, wie beispielsweise das sogenannte „Steuerketten-Schisma“ eindeutig belegt, wonach ein Teil der Guzzisten, die Minderheit, weiterhin auf den original Moto-Guzzi-Steuerkettenspanner schwört, da der von der Mehrheit favorisierte Stucchi-Steuerkettenspanner mindestens 2 PS Motorleistung fressen würde, was die Stucchi-Steuerkettenspanner-Anhänger natürlich bestreiten und ihrerseits den Moto-Guzzi-Steuerketten-Anhängern vorwerfen, ihr Steuerkettenspanner wäre zu ineffizient und verfälsche dadurch die Motorsteuerung, worin ihnen zwei weitere Minderheiten der Guzzisten ausdrücklich zustimmen, die ihrerseits aber jegliche Steuerketten und Steuerkettenspanner gänzlich ablehnen und vorgeblich aus Gründen der Effizienz Zahnriemen und Stirnräder verwenden, deren Verwendung wiederum von den mehr puristischen Steuerkettenfraktionen einhellig abgelehnt werden, da Stirnräder und Zahnriemen ihrer Meinung nach viel zu schnell verschleissen würden und insbesondere die Stirnräder mit ihrem lauten mechanischen Geräuschpegel eine unzumutbare Beeinträchtigung des höchsten Gutes des internationalen Guzzismus, nämlich des Guzzi-Sounds, darstellen würde, was die Stirnräder-Anhänger natürlich bestreiten und ihrerseits wiederum… usw. usf.</p>
<p>Eigentlich vollkommen unnötig darauf hinzuweisen, dass es ähnliche Diskussionen, divergierende Lehrmeinungen und Glaubensstreitigkeiten zu jedem nur vorstellbaren Bauteil einer Moto Guzzi gibt, seien es die Zündung oder die Lichtmaschine oder die Krümmer oder die Nockenwelle oder die Kabelbäume oder die Schwungmasse oder die Vergaserbestückung oder wasweissich, weshalb derjenige die ärmste Wurst ist, der ein altes Motorrad kauft, welches im Laufe seiner Geschichte unter Umständen unterschiedlichen Fraktionen der Guzzisten in die Hände gefallen ist, und es deshalb heillos zerbastelt sein könnte, wobei er sich noch glücklich schätzen sollte, wenn diese, seine Maschine wenigstens nicht den komplett Ahnungslosen ausgeliefert war, die noch nicht einmal davor zurückschrecken, ihren Guzzen in der heimischen Garage mittels der Bohrmaschine eine Doppelzündung in die Zylinderköpfe zu fräsen &#8211; also die Lücke zwischen dem „Ich schaff’ das schon“ und dem „Ich kann das auch“ der vorbesitzenden Guzzisten nicht allzu gross ausgefallen ist.</p>
<div id="attachment_134" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.schriftgeschwindigkeit.de/wp-content/uploads/2012/06/block2.jpg"><img class="size-full wp-image-134" title="block2" src="http://www.schriftgeschwindigkeit.de/wp-content/uploads/2012/06/block2.jpg" alt="Motor ohne Zylinder" width="600" height="902" /></a><p class="wp-caption-text">Motor ohne Zylinder</p></div>
<p style="text-align: center;">
<p>Um meine, zugegebenermassen recht grosse Lücke zwischen dem Guzziunser „Ich schaff’ das schon“ und dem praxisrelevanten „Ich kann das auch“ halbwegs zu schliessen, kaufte ich zum Zwecke der Zerlegung des Motorrades ohne Tank mit Tank die zwei Reparaturhandbücher, die es für die alten Guzzen gibt, und welche mir bei meinem Vorhaben mehr oder weniger gut helfen sollten, für das ich noch meinen Sohn zwangsrekrutierte und meinen Schwager mit einigen Rotweinflaschen überredete, uns ein paar Quadratmeter seiner Autowerkstatt für den Ausbau von Motor und Getriebe als auch für die winterliche Einlagerung der restlichen Teile zu überlassen. Um es kurz zu machen, brauchten wir für den Ausbau, den ich feldherrenmässig mit meinen zwei Reparaturhandbüchern in der Hand anleitete, insgesamt vier Stunden. Für geübte Guzzi-Schrauber natürlich eine lachhafte Zeit, für unsere erste Guzzi aber dennoch nicht schlecht, wenn auch die wahre Herausforderung, der Zusammenbau, noch vor uns lag.</p>
<p>Und so wurde ich dann wieder vorstellig mit Motor und Getriebe bei Jens, der den Motor auf eine seiner Werkbänke wuchtete und anfing denselben zu zerlegen, wobei ich ihm, so gut es eben ging, sekundierte. Jens arbeitete sich tiefer und tiefer in die Geschichte meines Motorrades, schraubte zuerst die Ventildeckel ab, entfernte die Kipphebel, deren Lagerblöcke, zog die Stösselstangen, löste die Zylindermuttern und sprach dabei unentwegt, erklärte die technischen Besonderheiten, klassifizierte die einzelnen Teile, ihre Funktionsweise, ihre Beschaffenheit, ihr Material, und schraubte schnell und sprach flink, fast so, als würde seine Finger lesen, einen Motor wie einen Text lesen, den seine Finger schon tausendmal gelesen haben, den sie schon auswendig kennen, Satz auf Satz, Schraube für Schraube, ein Lesen der Finger, das nur stockte, wenn die Lesenden auf einen Satz stiessen, der nicht in den Text, den sie so gut kannten, passte, und stockten das erste mal, als die Finger den Zylinderkopf abnahmen, und wir beide, Jens und ich, in den Zylinder schauten, und einen Zylinder erblickten, der erwartungsgemäss nicht mehr original war, da die originalen Le Mans Zylinder Stahllaufbuchsen besassen, die nicht sehr haltbar waren und deswegen schon in den 1980er Jahren nach und nach durch die neuen mit Nikasil beschichteten Zylindern getauscht wurden. Ein Fund also, der  an und für sich eine erfreuliche Tatsache gewesen wäre, wenn in eben diesem mit Nikasil beschichteten Zylinder nicht auch ein Kolben zum Vorschein gekommen wäre, der in einer Le Mans nichts, aber auch rein gar nichts verloren hatte, und der der Kolben einer Moto Guzzi T3, eines gemütlichen Touren-Motorrads, war. Dieser Kolben war die eigentliche  Ursache dafür, dass ich den Choke nach dem Start der Maschine noch kilometerweit stehen lassen musste, da sie mir sonst ausging, was sie auch nach dem Einklappen des Chokes immer wieder tat, da der T3-Kolben im Le Mans-Motor und dessen Peripherie die Maschine nur schwer auf Temperatur kommen liess. Da fing Jens, der wohl schon mehr als nur eine Ahnung hatte, wieder an zu grinsen, schaute mich an und frotzelte: „Oh, oh, da haben sie dich aber reingelegt.“</p>
<div id="attachment_136" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.schriftgeschwindigkeit.de/wp-content/uploads/2012/06/zylinder2.jpg"><img class="size-full wp-image-136" title="zylinder2" src="http://www.schriftgeschwindigkeit.de/wp-content/uploads/2012/06/zylinder2.jpg" alt="Zylinder mit T3-Kolben" width="600" height="902" /></a><p class="wp-caption-text">Zylinder mit T3-Kolben</p></div>
<p style="text-align: center;">
<p>Dazu muss man wissen, dass der Motor der Le Mans I als auch der Le Mans II, wie der Sekundärliteratur zu entnehmen ist, eigentlich ein modifizierter T3-Motor war, der nur anhand von zwei Merkmalen als Le Mans-Motor zu klassifizieren ist. Einer dieser Unterschiede betrifft den Kolbenboden, die T3 hat einen flachen Kolbenboden und die Le Mans einen erhöhten Kolbendom, um eine höhere Verdichtung zu erzielen. Der zweite Unterschied findet sich am Zylinderkopf, dieser verfügt bei der Le Mans über grössere Ventile, und während ich mich in Gedanken schon damit abzufinden begann, dass der Motor auf der Werkbank eine T3-Motor war, und der angestammte Motor bereits in allen Einzelteilen in den ewigen Kreislauf des Guzziunser eingespeist worden ist, gab Jens nach Vermessung des Zylinderkopfes Entwarnung. Der Zylinderkopf hatte die richtigen Masze einer Le Mans, eine insofern glückliche Tatsache, da diese Köpfe auch im ausserordentlich gut sortierten Guzzi-Ersatzteilhandel neuwertig nicht mehr erhältlich sind. Im weiteren Fortgang der Motorlesung fanden wir dann noch eine interessante neue Variante des Steuerkettenspanners, offensichtlich Marke Eigenbau, kreativ aber dennoch fast vollkommen funktionslos, sowie eine um die Hälfte gekürzte  Hohlschraube, die in der ursprünglichen, langen Form im Ölkreislauf dafür zuständig ist, das Motoröl wieder in die Ölwanne zurückzuführen, in meinem Motor ab dafür sorgte, dass das Motoröl in das Kurbelwellengehäuse gespritzt wurde, wo die rotierende Kurbelwelle es zu einem dichten Öldunst verarbeitete, welcher durch den Ölentlüftungsschlauch entsorgt wurde. Mithin ein Beleg für die Richtigkeit der Angaben des Vorbesitzers, der die Guzzi nur selten und nicht schneller als 100 Stundenkilometer gefahren haben will, denn wäre er schneller gefahren, hätte der vor dem Hinterrad baumelnde Ölentlüftungsschlauch todsicher irgendwann für ein jähes Ende der Ausfahrt gesorgt, da er bei schnellerer Fahrt verlässlich und nicht wenig Öl spuckte, weshalb ich ihn schon von Anfang an zur Seite band.</p>
<div id="attachment_135" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.schriftgeschwindigkeit.de/wp-content/uploads/2012/06/kopf2.jpg"><img class="size-full wp-image-135" title="kopf2" src="http://www.schriftgeschwindigkeit.de/wp-content/uploads/2012/06/kopf2.jpg" alt="" width="600" height="399" /></a><p class="wp-caption-text">Zylinderkopf</p></div>
<p style="text-align: center;">
<p>Wir hatten demnach einen Le Mans-Motor vor uns, der laut der penibel gesammelten Werkstattrechnungen in den letzten zehn Jahren sehr wahrscheinlich  nicht in einer gewerbsmässigen Werkstatt geöffnet worden war, somit also in privater Eigenregie „getunt“ wurde, oder die sinnlosen bis selbstmörderischen Eingriffe in sein Innenleben schon vor längerer Zeit über sich ergehen lassen musste, und es stellte sich die Frage, wie mit dem Motorrad weiter zu verfahren sei. Und weil es mein Motorrad ist, und weil ich schon seinen Tank entrosten, den Tank und die Schwinge abstrahlen und lackieren liess, ihm zwei neue Lafranconis anbaute, neue Vergaser spendierte, eine Spezialsitzbank ersann, und weil es ein ganz aussergewöhnliches und tapferes Motorrad ist, das selbst dann noch funktioniert, nachdem es in die Hände von Guzzisten gefallen ist, deren Lücke zwischen „Ich schaff’ das schon“ und „Ich kann das auch“ noch grösser ist als meine (was kaum vorstellbar war), und die ihre eigene Unzulänglichkeit, wenn sie denn am Motorrad zutage tritt, gerne auf die sprichwörtliche „italienische Genialität“ schieben, wenn diese doch in Wahrheit nicht selten eine direkte Folge des eigenen Basteldilettantismus ist, beschloss ich, dem kleinen Motorrad (und mir) das volle Programm zu gönnen: neue Le Mans-Kolben, zwei neue Zylinder, einen neuen Dynotec Ventiltrieb (formel-1-erprobt!), einen Satz Carillo (!!) Pleuel, einen neuen Stucchi-Steuerkettenspanner (der einzig Wahre!!!) und eine neue Dynotec Hochleistungs-Ölpumpe. Des Weiteren bestellte ich für das Motorrad ohne Tank mit Tank bei Jens eine Brennraumoptimierung, die Feinwuchtung der Kurbelwelle mit perfektem Massenausgleich sowie eine Feinwuchtung der Schwungmasse.</p>
<p>Einige Woche später rief Jens an und sagte, sie hätten den Motor fertig und auch das Getriebe durchgesehen, das sei ein Renngetriebe, geradverzahnt (!!!!), das könne man im ersten Gang bis 100 ausfahren, und ob ich das nicht gemerkt hätte, was ich verneinte, während ich mir überlegte, ob es tatsächlich Verrückte gibt, die versuchen ein nun 36 Jahre altes Motorrad im ersten Gang bis 100 auszufahren, und ob der Jens wohl dazugehört. Wenige Tage später holte ich Motor und Getriebe wieder ab, und wir machten uns in gleicher Besetzung daran, dass Motorrad rollfähig zusammenzubauen, um es im Guzzi-Shuttle in heimatliche Gefilde zu überführen. Für den Zusammenbau hatte ich fünf Stunden veranschlagt, ein Zeitlimit, dass wir bequem einhielten, was weniger an unseren überragenden Schrauber-Fähigkeiten als vielmehr und tatsächlich an italienischer Genialität lag. Die Ehre, das erste Mal auf den Knopf zu drücken, oblag meinem Sohn, der seine Sache sehr gut gemacht hatte. Das Motorrad sprang sofort an. Inzwischen bin ich ca. 1.700 km mit dem neuen Motor unterwegs gewesen, auch auf der Autobahn mit 150 km/h, der Motor hat beträchtlich an Leistung gewonnen, er springt willig an, wobei ich den Choke zügig einklappen kann, geht nicht mehr aus, und der Ölentlüftungsschlauch hat bisher keinen einzigen Tropfen Öl verloren. Es gibt <a href="http://www.dynotec.de/presse.php?id=2" target="_blank">Berufenere</a>, die über den Leistungszuwachs des Dynotec-Tunings besser referieren können als ich, da dieser, der Leistungszuwachs, für mich eher sekundäre Bedeutung hat. Ich suchte nach Gewissheit über den Motorzustand und wollte eine Massnahme, die mir möglichst viel Fahrspass und dem Motor eine lange Lebensdauer garantiert. Und dann wollte ich natürlich noch eines: die Veredelung dessen, was mich vor fast zwei Jahren in einer Garage in Iserlohn in Mark und Bein getroffen hat, die Raffinierung des höchsten Gutes des Guzzismus, des Guzzi-Sounds, von dem mir ein älterer Herr sagte, als er mich an meiner Guzzi beim Schrauben antraf und er die Le Mans erkannte, dass er in den 1970er Jahren vier Freunde hatte, die sich jeweils so eine Maschine in Italien gekauft und dann nach Deutschland importiert hätten. Und dann wären sie zu fünft an den Nürburgring gefahren, erzählte er mit leuchtenden Augen, und er wäre auf dem Ring mit seinem Motorrad den vier Guzzen die ganze Zeit immer nur hinterher gefahren, nur um dieses Geräusch zu hören, so unglaublich sei das gewesen. Jens Hofmann ist es gelungen dieses Geräusch von damals noch zu toppen, indem seine Tuningmassnahmen die mechanischen Nebengeräusche auf ein Minimum reduzieren. Der Sound des Dynotec-Guzzi-Motors ist die reinste Lehre, das Ein- und Ausatmen eines Motors, der ein Geräusch von irgendwoher holt, wo man gar kein Geräusch mehr vermutet, da man es mehr fühlen muss als dass man es hören kann.</p>
<p>Ich sehe ihn noch sitzen, den Jens, auf seinem Gartenstuhl in seiner mit Schrott-Teilen dekorierten Vorhalle, während mein Motorrad ohne Tank neben ihm genüsslich die Schwimmerkammern leer schlürfte, und höre ihn grinsend aber sehr bestimmt sagen: „Ein Guzzi-Motor läuft immer!“</p>
<p>Und wenn nicht, dann wird er eben wieder angemacht. So einfach ist das nämlich.</p>
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		<title>Smells Like Teen Spirit</title>
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		<pubDate>Mon, 05 Dec 2011 21:43:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Zajac</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[I’m worse at what I do best And for this gift I feel blessed Our little group has always been And always will until the end* Manchmal weiss man gar nicht warum. Da wacht man morgens auf und hat dann &#8230; <a href="http://www.schriftgeschwindigkeit.de/2011/12/05/smells-like-teen-spirit/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>I’m worse at what I do best<br />
And for this gift I feel blessed<br />
Our little group has always been<br />
And always will until the end*</p>
<p>Manchmal weiss man gar nicht warum. Da wacht man morgens auf und hat dann auf<span id="more-109"></span> einmal und in dieser Zeit dieses Lied im Ohr, das man weder vor dem Zubettgehen noch irgendwann sonst in den letzten Monaten, vielleicht sogar Jahren bewusst gehört hat. Und weil man dieses Lied an diesem Morgen nicht mehr los wird und weil man jetzt nicht an die ebenfalls seit Jahren nicht mehr angefasste und eingestaubte Plattensammlung gehen will, um dieses Lied zu suchen und um es zu hören, lädt man sich dieses Lied auf sein Handy herunter, schiebt die Stöpsel in die Ohren und ist überrascht, wie viel Kraft dieses Lied auch nach zwanzig Jahren noch hat, und ist überrascht, dass dieses Lied passt, es in diese Zeit passt, auch wenn man noch gar nicht so genau weiss warum.</p>
<p>„Smells Like Teen Spirit“ wurde am 10. September 1991 auf dem Album „Nevermind“ der seinerzeit weitgehend unbekannten Grunge-Band Nirvana veröffentlicht. Die Plattenfirma brachte insgesamt 40.000 Kopien weltweit in die Plattenläden und wurde von dem sich bald einstellenden enormen Erfolg total überrannt, Anfang Dezember waren allein in den USA bereits 1.000.000 Kopien verkauft, Anfang Januar 1992 verdrängte „Nevermind“ Michael Jacksons „Dangerous“ von der Spitze der US Album Charts und verkaufte sich weltweit und bis heute noch viele, viele weitere Millionen mal.</p>
<p>Ich hatte 1991 unter anderem „Mudhoney“ auf dem Plattenteller und auch ein, zwei Nirvana Songs aus der vor Nevermind-Epoche auf irgendeinem Indie-Sampler, die mich nicht sonderlich beeindruckt hatten, und war später überrascht von der Wucht von „Smells Like Teen Spirit“, aber noch mehr überrascht, dass dieses Lied auch in Deutschland alle Dämme brach, ja, noch erfolgreicher war als in anderen westlichen Ländern, und es bis auf Platz 2 der Single Charts schaffte. Die Charts 1992, das waren Genesis, Richard Marx, Queen, Boyz II Men und Sir Mix A-Lot &#8211; vielleicht nicht ganz so furchtbar wie heute, aber dennoch unvorstellbar, dass es ausgerechnet dieses zornige, laute Stück Punkmusik schaffen würde, sich durch den üblichen, geschmacklichen Einheitsbrei bis fast ganz nach oben zu fräsen.</p>
<p>Was war der Grund dafür?</p>
<p>Sonic Youth wurden Anfang der 90er Jahre auf Nirvana aufmerksam, empfahlen die Gruppe ihrer Plattenfirma Geffen, die „Nevermind“ dann auch tatsächlich produzierten. Der Legende nach hatte Geffen Ende 1991 noch reichlich Mittel im Marketingjahresbudget übrig, mehr als sie bis zum Jahresende unter normalen Umständen noch verbrauchen würden und überwies deshalb fast gleichgültig, Plattenfirmen hatten damals CD-bedingt noch viel Geld, einen dicken Batzen an MTV, welche „Smells Like Teen Spirit“ daraufhin auf Heavy Rotation setzten, worauf sich der Erfolg der Single und des Albums quasi automatisch einstellte. Das war eine Erklärung, mit der ich mich damals zufrieden gab, da man, wenn mann Mitte Zwanzig ist und hormongeplagt, drängendere Fragen dringlicher beantworten muss.</p>
<p>Heute, im Abstand von 20 Jahren erscheint mir diese Erklärung nicht mehr als ausreichend &#8211; sicher, MTV war Anfang der Neunziger auf dem Höhepunkt seiner Marketingmacht, war das weltweite Zentralorgan der Popmusik, das Stars machen oder auch zerstören konnte, je nachdem, wer wie viel zahlte. Aber andere Plattenfirmen hatten damals auch ein dickes Marketingbudget, buchten auch Heavy Rotation und verkauften zum Zeitpunkt des Erscheinens ihrer Singles vielleicht sogar noch viel mehr Kopien, dennoch haben sich diese Singles nicht in das Gedächtnis und Bewusstsein einer ganzen Generation eingegraben, sind längst vergessen und haben auch nicht diese Crossover-Wirkung erzielt, von der die <a href="http://www.taz.de/!78653/" target="_blank">taz</a> erst kürzlich und treffend schrieb, dass 1991 auch die Hausfrauen anfingen, Punkmusik zu hören. Der Erfolg von „Smells Like Teen Spirit“ lässt sich eben nicht allein durch die (damalige) Allmacht der Plattenkonzerne erklären, sondern nur dadurch, dass dieses Lied auf besonders fruchtbaren Boden fiel, dass dieses Lied ohne es zu wissen förmlich herbeigesehnt wurde von einer Generation, die man Generation X nennt, da sie für nichts stehen würde oder, schlimmer noch, Generation Golf heisst, die dem Hedonismus frönt und den von den Eltern erarbeiteten Wohlstand geniesst, und die meine Generation ist.</p>
<p>Im Folgenden soll der Versuch unternommen werden, den Gründen für den Erfolg von „Smells Like Teen Spirit“ speziell in Westdeutschland nachzuspüren. In anderen Ländern mögen ähnliche Gründe ausschlaggebend gewesen sein, über die ich aber nicht schreiben kann, da ich nicht in anderen Ländern aufgewachsen bin, wie auch nicht in Ostdeutschland, deren damalige Jugend noch eine mir gänzlich fremde Sozialisation durchlaufen haben musste. Der Versuch bleibt Versuch, erhebt keinen Anspruch auf irgendeine Gültigkeit und bedient sich in seinem Versuchen einiger Begriffe, wie beispielsweise dem der „Generation“, die per se vollkommen blödsinnig sind, da es so etwas, wie eine kohärente Generation im sozialen Sinne eigentlich gar nicht gibt, genausowenig wie „das Lebensgefühl einer Generation“, was auch eine Begrifflichkeit ist, die nach dem Lesen am besten ganz schnell vergessen werden sollte, da Begrifflichkeiten dieser Art Kategorisierungen sind oder beinhalten, und Kategorien immer gefährlich sind &#8211; aber auch immer einen unschätzbaren Vorteil haben, sie erleichtern das Denken, was nicht immer aber doch manchmal nützlich ist.</p>
<p>Es werden wohl die Wenigsten widersprechen, wenn sie lesen, dass der gesellschaftliche Konflikt, der für die Bundesrepublik Westdeutschland am prägendsten war, ein Generationenkonflikt gewesen ist, genauer gesagt ein Konflikt zwischen der Generation der Täter, die während des sogenannten Dritten Reiches Verantwortung trugen und mal mehr oder weniger Schuld an den Verbrechen dieses Regimes auf sich geladen hatten, und der Generation ihrer Kinder, den sogenannten 68ern, welche zwischen 1940 und 1950 geboren, sich mit erwachendem politischen Bewusstsein gegen einen ihrer Meinung nach verkrusteten Staat empörten, der nach dem Kriegsende von Eliten aufgebaut und gestaltet wurde, die nicht selten schon dem alten Regime, Nazideutschland, treu gedient hatten und auch nicht selten, während des Regimes sich an „arisierten“ Vermögen und Unternehmen billig gütlich taten und ihr unter dem Hakenkreuz zusammengerafftes Eigentum nach Kriegsende auch „zum Wohle“ der jungen Republik behalten und einsetzen durften. Diese Empörung, auf die der Staat zunehmend humorloser reagierte, begann als Studentenprotest, als Happening, wurde zur Ausserparlamentarischen Opposition, solidarisierte sich mit allen Unterdrückten und Entrechteten der Welt, kulminierte in seiner schärfsten Zuspitzung im Deutschen Herbst, da eine Handvoll Terroristen den deutschen Staat frontal herausforderten, der seinerseits von zwei ehemaligen Wehrmachtsoffizieren, Helmut Schmidt und Horst Herold, erfolgreich und folgenreich verteidigt werden konnte, wurde Öko- und Abrüstungsbewegung, wurde Partei, wurde Innerparlamentarische Opposition und trat 1998 auch auf Bundesebene in Regierungsverantwortung ein. So weit und in aller Kürze, die zugegebenermassen nicht vollständigen Eckdaten eines gesellschaftlichen Prozesses, der fast drei Jahrzehnte in Anspruch nahm und dessen eigentlicher und grundlegender historischer Fixpunkt immer der Zweite Weltkrieg blieb, der durch den Kalten Krieg verlängert wurde, da gerade die durch den Zweiten Weltkrieg fest gefügten Machtblöcke und -strukturen in ihm einen soliden Bestand hatten und so einen idealen und anhaltenden Nährboden auch für diesen Konflikt bereitstellten.</p>
<p>Ein Konflikt, der besonders in den Anfangsjahren und über Mogadischu hinaus von beiden Generationen und von Teilen der Presse als Sprachrohre dieser Generationen mit äusserster Vehemenz geführt wurde, das öffentliche Leben massgeblich prägte und der eigentlich von einem jeden &#8211; Stichwort Radikalenerlass &#8211; in der damaligen Zeit eine Erklärung verlangen konnte, wie er es denn mit seiner politischen Überzeugung hielte, ob er für oder gegen die Verfassung, für oder gegen das System, für oder gegen die Revolution eintreten würde. Rückblickend kann man den Eindruck gewinnen, die ganze Geschichte der Bundesrepublik Westdeutschland reduziert sich fast ausschliesslich auf das Ringen dieser beiden Generationen, was natürlich, wie eingangs bereits formuliert, Blödsinn ist, da sich Vertreter beider Lager in beiden Generationen fanden, andere Bürger auch damals unpolitisch blieben und die Bevölkerung Westdeutschlands natürlich nicht aus nur zwei Generationen bestand und es gerade 1968, zu Anfang des Konflikts, eine weitere Generation gab, die in besonderem Masse von ihm betroffen war, jene, die zwischen den Jahren 1932 und 1943 geboren wurden, die in Teilen zu den sogenannten Weissen Jahrgängen (1929-1937) gehörten, die weder in der Wehrmacht noch in der neu formierten Bundeswehr gedient hatten, die zu jung waren, um wirklich zur Generation der Täter gerechnet zu werden, und zu alt, um Mitglieder der Alterskohorte der 68er zu sein, die sich im Laufe der 60er Jahre an den Universitäten politisierte, als sie, die Generation dazwischen, bereits Familien gründete und zwischen 1960 und 1968 Kinder in die Welt setzte, die Anfang der Neunziger Jahre dann bei MTV einem kleinen blonden Mann dabei zusehen sollten, wie er während einem der rotzigsten und zugleich einfachsten Gitarrensoli der Musikgeschichte seelenruhig eine neue Saite auf seine Gitarre aufzog, statt dieselbe in Glam-Metal-Manier mit verbissenem Gesichtsausdruck als Phallus-Symbol vor sich hin und her zu schwenken.</p>
<p>Keiner weiss mehr, wann und wo genau dieses schwarze Virus einen mehr oder weniger grossen Teil auch weisser DNA aufnahm, die seine ohnehin schon beträchtlich grosse Infektiosität noch gehörig steigerte, ob es in den Sümpfen Louisianas, dem Mississipi-Delta oder doch in den grossen Industriestädten im Nordwesten der USA war, als der schwarze Rhythm’n Blues die bestehende Rassentrennung zumindest musikalisch überwand, indem er Elemente der Countrymusik in sich integrierte, somit auch für junge weisse Ohren eingängiger wurde und so weisse, aber auch immer mehr schwarze Musiker die Jugend Amerikas mit dem infizierten, was man dann Rock’n Roll nannte. Das Epizentrum dieses Bebens, das Zentrum des Urknalls wird sich nicht mehr ausmachen lassen, wenn auch der Zeitpunkt dieses Ereignisses sich ungefähr in die Mitte der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts datieren lässt, als die sich im Blues ausgedrückte, gleichsam seit Jahrhunderten unterdrückt glimmende Trauer förmlich explodierte, sich in ihr äusserstes Gegenteil verkehrte, und in den USA auf eine Jugend traf, die bereits im Vorfeld der Geburt des Rock’n Rolls ein bis dato unbekannt rebellisches Wesen zeigte, der die Erwachsenen mit Unverständnis begegneten und ihr unterstellten, sie seien Rebellen ohne Grund, denn sie wüssten nicht, was sie tuen, und die auch selbst den Grund nur zu ahnen schienen, ihn nicht wirklich artikulieren konnten und deshalb gerade in dieser Musik ihren einzig möglichen und sprachlosen Ausdruck fanden. Nie war Amerika grösser als in der historischen Sekunde nach dem Ende des zweiten Weltkriegs, als seine Soldaten siegreich aus einem Krieg heimkehrten, in dessen Verlauf sie nicht nur die Schmach von Pearl Harbour getilgt sondern auch mit Asien und Europa die halbe Welt im Namen der Freiheit von staatlichem Terror befreit hatten. Das Amerika in diesem historischen Augenblick kurz vor McCarthy und kurz vor dem Kalten Krieg war eine Verheissung, wie sie grösser nicht sein konnte, denn die Soldaten, die ausgezogen waren als die Soldaten einer durch die Grosse Depression gebeutelten Nation, kehrten heim als die Soldaten einer neu erwachten Supermacht, die moralisch unbefleckt und durch die Beherrschung der Kraft der Atome auch technologisch führend, Amerika nicht nur einen Weltkrieg sondern auch eine goldene Zukunft gewonnen hatten. So jedenfalls könnte es die Generation Rock’n Roll damals gesehen haben, die zwischen den Jahren 1932 und 1939 geboren, zu jung waren, um noch eingezogen, um noch aktiver Teil des amerikanischen Triumphes zu werden, der durch ihre Väter und älteren Brüder erfochten, und die, durch ihre späte Geburt um ihren aktiven Anteil an Amerikas neuer Grösse betrogen, nun ahnten, dass sie niemals eine eigene amerikanische Zukunft werden gewinnen können, da diese immer schon gewonnen worden war.</p>
<p>Stand die amerikanische Generation dazwischen im erdrückenden Schlagschatten ihrer Väter, fiel auf ihre deutschen Altersgenossen auch und gerade im Elend von Nachkriegsdeutschland ein mildes Licht, denn ihre Väter, die hoffnungsvoll und euphorisch besoffen in einen Krieg gezogen waren, der nicht nur die Demütigung von Versailles, die Schmach ihrer Väter, rächen sondern auch dem Reich und damit ihren Kindern und Kindeskindern eine tausendjährige Zukunft gewinnen wollte, kehrten geschlagen heim, und hatten nicht nur alles gewagt sondern waren in ihrem Wagnis oft auch bis über die Grenzen jeder Menschlichkeit gegangen. Eine Gewissheit, die anfangs beharrlich totgeschwiegen, sich dennoch unendlich langsam und zäh durchsetzte, und die diese Generation der Väter neben dem geschichtlichen Versagen auch mit einer moralischen Versehrtheit zeichnete, welche die Generation dazwischen der Verpflichtung enthob, sich ebenfalls wie ihre Väter gegen eine vermeintlich erlittene Schmach aufzulehnen und die stattdessen fast ahnungslos begriffen, dass sie in ihrem Land nur gewinnen konnten, was ihre Väter verloren, da dieses Land durch die Geschichte, durch zwei verlorene Weltkriege, so durchgeschüttelt worden war, wie eine <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Schneekugel" target="_blank">Schneekugel</a> durchgeschüttelt sein kann, wenn ihre Flocken sich nach einem heftigen Sturm langsam setzen und dann gänzlich neu verteilen, wie eben Zukunftschancen sich neu verteilen, wenn die Generation ihrer Väter die tausendjährige Zukunft so gründlich und niederschmetternd und gottseidank verloren hatten. Die Generation dazwischen schaute nicht zurück, denn ihr Zurück war ein Jetzt, war Hunger, war Trümmer, war Not, die überwunden werden musste. Die Generation dazwischen reflektierte nicht das Gestern, sie eroberte sich ein offenes Morgen ohne Waffen, das Reflektieren überliess sie einer anderen, nachfolgenden Generation &#8211; den 68ern.</p>
<p>Jeder, der heute in den Vierzigern und in Westdeutschland in die Schule gegangen ist, wird zwangsläufig mehreren dieser Spezialisten begegnet sein, den 68er-Lehrern oder ihren Nachfolgern, den Spät-68er-Lehrern. Die Schule in den 80ern war der Ort an dem die ersten beiden echten westdeutschen Nachkriegsgenerationen, deren Geburtenjahrgänge mit ungenauer Schärfe Ende der 50er Jahre getrennt werden müssen, aufeinander trafen und sich aneinander abarbeiteten. Die Generation der Kinder der Generation dazwischen, die wiederum zu jung waren, um irgendeinen Anteil an der 68er-Bewegung gehabt zu haben, und die Generation der 68er sowie ihrer Adepten, der Spät-68er, die für sich in Anspruch nahmen, die Gesellschaft zum Besseren verändert, den Sex revolutioniert, die Universitäten entstaubt, die Frauen befreit zu haben, und die sich nun daran machten, die Umwelt zu retten, die Atomkraft zu stoppen, die erste Welt abzurüsten und die dritte Welt in Eine-Welt-Läden zu vermarkten. Die Kinder der Generation dazwischen wurde in diesem Sinne zu einer Generation danach, eine Generation nach dem grossen gesellschaftlichen Konflikt, der Ende der 60er Jahre seinen Anfang nahm und ebenso, wie ihre Eltern nicht mehr kämpfen mussten im grossen Krieg, waren sie zu spät gekommen für diesen grossen gesellschaftlichen Konflikt, der deshalb und auch noch aus einem anderen Grund nicht ihr originärer Konflikt war: denn die Rebellion der 68er war nicht nur eine gesellschaftliche, sie war immer auch ein familiäre Rebellion &#8211; die Rebellion der Generation danach hingegen war immer nur eine gesellschaftliche und niemals eine familiäre, da sie ihren Eltern schlichtweg nichts vorwerfen konnten, was über westdeutsches Mitläufertum und Wirtschaftswunder hinausging. An den Schulen in den 80ern sozialisierten die 68er eine Generation, denen diese familiäre Betroffenheit fehlte und die deshalb auch in einem besonderen Spannungsfeld zu ihrer Lehrergeneration stand, da sie zwar keinen Grund hatten, gegen ihre Eltern zu rebellieren aber sehr wohl diffus fühlten, gegen diese Generation ihrer Lehrer rebellieren zu müssen, nicht nur da diese ihnen gar keinen Platz mehr zur eigentlichen Rebellion gelassen, vielmehr auf sämtliche gesellschaftlichen Errungenschaften schon ihr Copyright geklebt hatten, sondern auch weil diese 68er-Bewegung in den 80ern schon längst versandet, schon längst zur Pose erstarrt war und die Generation danach deren schulischen Protagonisten in den Bildungsanstalten interessiert dabei zusehen konnten, wie sie sich zwar im üblichen Weltverbesserungs-Habitus gerierten aber dennoch ein armseliges Schulsystem in aller Konsequenz durchsetzten, die Vorgaben von Schulämtern und Kultusministerien an ihren Schülern exekutierten und deren Zukunftschancen somit selektionierten. Das waren die 68er-Lehrer, wie sie die Generation danach an den Schulen vorgeführt bekam: verbeamtete Revolutionsveteranen in Norwegerpullis und Birkenstocklatschen, die ihren 2CV auf dem Schulparkplatz parkten, ab und an von ihrem Indien-Trip oder aus APO-Zeiten, also ihrer revolutionären Jugend, schwadronierten &#8211; ganz so wie Opa von Stalingrad &#8211; und die sich für ihren persönlichen Marsch durch die Institutionen die Bildungsanstalten mit 11 Wochen Ferien ausgesucht hatten, denn schliesslich und endlich muss man ja auch mal Urlaub machen von der Revolution. Man kann sich ausmalen, dass diese Lehrer bei ihren Schülern, den Kinder der pragmatischen Generation dazwischen, die auch die skeptische Generation genannt wird, da sie sich aufgrund ihrer Erfahrungen in der Kriegs- und Nachkriegszeit einer politischen Aufladung grösstenteils entzog, einen durchaus zwiespältigen Eindruck hinterliessen, da diese Lehrer zum einen ein Gutteil ihrer Identität aus ihrer Auflehnung gegen den Staat bezogen und zum anderen diesem Staat, seinen Kultusministerien, das in Baden-Württemberg &#8211; Treppenwitz der Geschichte &#8211; zwischen 1980 und 1991 ausgerechnet von Gerhard Mayer-Vorfelder, einem konservativen Hardliner, verantwortet wurde, eilfertig mit ihren Rotstiften dienten.</p>
<p>Als die Büchse der Pandora Mitte der 50er Jahre sich das erste Mal öffnete und ihr der Rock’n Roll entwich, war dieser von Anfang an pandemisch, infizierte er von Anfang an die Jugend der Welt, und war gerade deshalb auch von Anfang an kommerziell und politisch. Kommerziell, da er aufgrund seiner Beliebtheit den Plattenfirmen und Musikproduzenten traumhafte Profite versprach und politisch nicht aufgrund der gesungenen Texte, die zumeist harmlose Liebeslieder waren, gelegentlich gespickt mit der einen oder anderen sexistischen Andeutung, sondern weil diese „Negermusik“ in den Ohren des weissen amerikanischen Kleinbürgers der 50er Jahre der Sex selbst war, der seine Ängste vor dem omnipotenten schwarzen Mann fast hysterisch werden liess und natürlich die Rebellion und Respektlosigkeit der damaligen Jugend stark befeuerte, was im Kontext des Kalten Krieges &#8211; der Koreakrieg war im Juli 1953 unrühmlich zu Ende gegangen &#8211; nicht nur von staatlichen Stellen der USA (In den USA bestand damals noch die Wehrpflicht) mit Sorge gesehen wurde. Ende der 50er zeitigte ein allgemeiner gesellschaftlicher Feldzug von staatlichen und u. a. religiösen Institutionen Erfolg, der Rock’n Roll wurde geächtet und galt einer breiten Öffentlichkeit als verpönt. Führende Vertreter des Rock’n Rolls widmeten sich um, spielten nur noch Countrymusik oder stark weichgespülten Rock’n Roll, studierten Theologie (Little Richard), kamen bei Unfällen ums Leben (u. a. Buddy Holly, Ritchie Valens, Eddie Cochran), wanderten aus (Gene Vincent) oder wurden wie Elvis Presley 1958 zum Wehrdienst eingezogen, aus dem er 1960 als angehende Witzfigur wieder entlassen wurde. Aber weil ein Virus sich nun einmal nicht verbieten lässt, war die eingekehrte Ruhe in den Vereinigten Staaten und in der Welt nur von kurzer Dauer, der Rock’n Roll hatte nämlich den grossen Teich bereits überwunden, war in Grossbritannien nicht auf taube Ohren gestossen und brauchte nicht lange, bis er in erneuerter Form, die man im damaligen Bräsig-Deutsch „Beatmusik“ nannte, Anfang der 60er Jahre in die USA reimportiert wurde, wo er wieder den bekannt pandemischen Effekt zeitigte, und sich diesmal aber nicht mehr politisch eindämmen liess sondern mehr und mehr selbst zum politischen Kampfinstrument einer Gegenkultur, zum  Protestmittel einer nun zunehmend politisierten Jugend, den so genannten 68ern, wurde.</p>
<p>Das Virus erhielt sich seine immense Infektiosität, ja vermochte sie sogar immer wieder zu steigern, da seine Mutabilität, seine Fähigkeit sich zu wandeln und sich den Generationen anzupassen, in all den Jahren ungebrochen hoch war. So wurde aus Rock’n Roll Beat, aus Beat Rockmusik, aus Folk Folkrock, aus Rockmusik Hardrock oder Glamrock und aus Hardrock Metal &#8211; um nur einige wenige Spielarten dessen zu nennen, was da einst aus Pandoras Büchse kroch. Auch wenn kaum jemand den Überblick behalten dürfte über die unzähligen Stile, Genren und Sub-Genren, in welche sich der Rock’n Roll im Laufe der Zeit differenziert und zersplittert hat, so lässt sich eine Grundströmung, die in all seinen Epochen immer wieder gleich war, dennoch deutlich aufzeigen. Immer dann, wenn der Rock’n Roll in Gefahr war, blosser Kommerz oder hohe Kunst zu werden; in Gefahr war, seine ursprünglich einfache, rohe und anarchistische Seele &#8211; den Sex &#8211; zu verkaufen oder zu verlieren; immer dann, wenn die Gefahr bestand, dass das Geld oder die Konzeptalben, die Rockopern, die Rockoperettendiven und die Kaugummi-Gitarren, die immer längere und klebrigere Fäden zogen, drohten, diese Seele zu zerstören, provozierten sie eine Gegenreaktion, die dem Rock’n Roll über die Jahre hinweg eben diese Ursprünglichkeit bewahren wollte und konnte. Denn von Anfang an schien es zwei Formen dieser Musik zu geben, eine rohe, wütende und unangepasste &#8211; und eine liebdienerische oder auch hochfahrende, die mehr sein, die über eben diese Rohheit hinaus wollte, entweder um sich einen grösseren Kreis an zahlenden Anhängern zu generieren, also auch jene einzufangen, die von der rohen, ursprünglichen Form eher abgestossen wurden, oder um diese Rohheit gleichsam zu ziselieren, sich auf ihrem Fundament eine eigene Kunstform zu erschaffen.</p>
<p>Das ungleiche Brüderpaar fand in den 50er Jahren seinen ersten Ausdruck in dem Gegensatz zwischen dem entschärften und anbiedernden Rock’n Roll von Paul Anka oder Pat Boone und dem einfachen, rohen Sun Rockabilly, der Wildheit des jungen Elvis Presley oder der Musik von Eddie Cochran und Bo Diddley. Der Gegensatz wurde fortgesetzt durch die Entwicklung der „Beatmusik“, die, und zwar in dieser Reihenfolge, erst durch den Rock’n Roll und dann durch den Blues der 40er Jahre inspiriert wurde, und zunächst eher einfach strukturiert war, bis deren herausragendsten Vertreter, wie die Beatles, die Beach Boys und auch The Who sich später, gegen Ende der 60er Jahre, einen Wettkampf boten, um das künstlerisch wertvollste Konzeptalbum oder die abgefahrenste Rockoper, einen Wettkampf, bei dem die Rolling Stones mit ihrem Beitrag, dem Album „Their Satanic Majesties Request“ nicht mithalten konnten und vielleicht auch gerade deshalb Keith Richards zu einem Vorbild der späteren Punk-Bewegung wurde, die sich in den 60ern als Gegenbewegung zu diesem künstlerischen Wettkampf bereits durch die Stooges oder die MC5 ankündigte, die Anfang der 70er u. a. durch die New York Dolls ergänzt wurden, bis ab Mitte der 70er, als Gruppen wie Led Zeppelin, Pink Floyd und Queen den Mainstream dominierten, der Punk mit seinen namhaftesten damaligen Vertretern, den Ramones, den Sex Pistols und The Clash die Bühne betrat. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ramones" target="_blank">Laut Joey Ramone</a> hatten sie dazu ihre ganz eigene Motivation: „Als wir im März ’74 begannen, geschah das, weil die Bands, die wir liebten, der Rock’n Roll, den wir kannten, verschwunden waren. Wir spielten Musik für uns selbst.“</p>
<p>Der Rock’n Roll, die Gegenkultur, so wie die Ramones sie kannten und liebten, war verschwunden, weshalb nicht nur sie sich entschlossen, ihren eigenen Rock’n Roll zu spielen und somit ihre eigene Gegenkultur zu gründen, indem sie Rock’n Roll spielten gegen den damals aktuellen Bombastrock, gegen die verkopfte Konzeptmucke und damit Teil einer Tradition des Rock’n Rolls wurden, die schon immer eine Gegenkultur zu der Gegenkultur bildete oder genauer noch: ihre Gegenkultur <em>in</em> der Gegenkultur schuf. In den folgenden Jahren nach der Geburt des Punk expandierte das R’n’R-Universum in rasender Geschwindigkeit immer weiter und weiter und es etablierte sich abseits des bald einsetzenden New-Wave-Pop-Marketinggequatsches etwas, das man Independent-Musik oder Indie-Rock nannte, was wohl eher ein Sammelbegriff für eine Art Musik ist, die anfangs von mehr oder weniger unabhängigen, kleinen Plattenfirmen produziert wurde und die mehr oder weniger durch den Punk beeinflusst war und an der die grossen Konzerne aufgrund der zumeist geringen Verkaufszahlen mehr oder weniger Interesse zeigten.</p>
<p>Betrachtet man oder auch frau sich das Personaltableau der derzeitigen Spitzenpolitiker auf Bundesebene der Parteien, die in einer westdeutschen Tradition stehen, also die Damen und Herren der CDU/CSU, wie Merkel, Kauder, Schäuble, von der Leyen, Schröder, Pofalla, Röttgen, Seehofer, Friedrichs und den achtköpfigen, engeren Parteivorstand der SPD, ergänzt um die Hoffnungsträger Steinmeier und Steinbrück, sowie das Führungsquartett der Grünen, die Damen und Herren Trittin, Özdemir, Roth und Künast, so fällt auf, dass nur zwei dieser 23 SpitzenpolitikerInnen der Generation danach zugerechnet werden können, und zwar Norbert Röttgen (*1965) und Cem Özdemir (*1965). Da Cem Özdemir das Kind türkischer Einwanderer ist, er also nicht in der Tradition der Generation dazwischen steht, bleibt eigentlich nur ein echter Vertreter der Generation danach übrig: Norbert Röttgen. Ein einziger von 23 Spitzenpolitikern, das ist insofern erstaunlich, da grosse Teile der Generation danach vor dem Pillenknick 1965 geboren wurden, sie also zu den Baby-Boomern gehören und man somit nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit erwarten dürfte, dass diese zahlenmässig starke Alterskohorte stärker in dieser elitären Politikerkaste vertreten wäre, zumal die nachfolgende und zahlenmässig schwächere Generation  mit insgesamt sechs PolitikerInnen (einschliesslich der FDP) vertreten ist. Ein Erstaunen, das sich nur noch steigert, erinnert man sich an den jüngsten Führungswechsel an der Spitze der FDP, als Guido Westerwelle, der zwar 1961 geboren wurde aber phänotypisch wohl eher ein sehr zu spät gekommener Anti-68er ist, von Rösler (*1973), Lindner (*1979) und Bahr (*1976) beerbt wurde, die FDP somit bei der Neubesetzung ihrer Parteispitze eine ganze Generation, und zwar die Generation danach, übersprungen hat. Das ist Wasser auf den Mühlen derjenigen, die schon immer behauptet haben, die Generation danach als Generation Golf sei ichbezogen, unpolitisch, ducke sich weg und würde sich weigern, Verantwortung zu übernehmen und lieber den Wohlstand geniessen, den ihre Elterngeneration erarbeitet hat. Diese Behauptungen sind nunmehr über zehn Jahre alt und in diesen zehn Jahren nicht richtiger oder zutreffender geworden, eben weil die Generation danach, die jetzt in den Vierzigern ist, wie alle anderen Generationen sehr wohl in familiäre, wirtschaftliche, existentielle oder unternehmerische Verantwortung eingetreten ist. Dennoch scheint auch zutreffend zu sein, dass diese Generation nur wenig Neigung verspürt und verspürte, auch politische Verantwortung zu übernehmen. Daraus aber den Schluss zu ziehen, diese Generation sei unpolitisch, ist unbedacht und oberflächlich, denn wie kann eine Generation unpolitisch sein, die in der Bundesrepublik wie keine andere mit und durch Politik sozialisiert worden ist? Die im Grundschulalter war, als sich der Terror bleiern über das Land legte, dessen Ausmass, Ursache und Wirkung von den damaligen Kindern zwar nicht begriffen wurde, die aber dennoch immer wieder mit ihm konfrontiert waren, die immer wieder in die gleichen, verkniffenen Schwarzweiss-Gesichter auf den Fahndungsplakaten blickten, die immer wieder die Fassungslosigkeit ihrer Generation-dazwischen-Eltern fühlten, wenn mal wieder irgendwo eine Bombe explodierte, ein Bundesanwalt erschossen, ein toter Pilot aus dem Flugzeug gekippt, ein Politiker entführt, eine Bank überfallen wurde &#8211; die Fassungslosigkeit einer Generation, die sich der Politik, die sie in Jugendjahren ins Elend gestürzt hatte, grösstenteils entzog, die nur einmal kurz aufbegehrte, in Teilen gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Westdeutschland protestierte und sich ansonsten darauf konzentrierte, für sich und ihre Kinder eine bessere Zukunft zu erarbeiten, die nun massiv bedroht war durch das selbstbezogene, erbitterte Ringen zweier Generationen, die beide für sich in Anspruch nahmen, im Alleinbesitz der Wahrheit, des Rechts zu sein und es einfach und immer besser zu wissen. Als die Kinder der Generation dazwischen an den Oberschulen auf die Vertreter der Generation trafen, die ihre Eltern in diese Fassungslosigkeit gestürzt hatten, und zwar ironischerweise in Gestalt der berufsmässigen Besserwisser, fanden sie mit zuvor sensibilisiertem und jetzt erwachendem Bewusstsein Lebensentwürfe vor, die nur wenig authentisch waren, weil diese Lehrer einen gewagten und von vornherein zum Scheitern verurteilten Spagat versuchten, indem sie Kumpel-Lehrer sein wollten, aber Staatsdiener sein mussten und sich aus Gründen der eigenen Glaubwürdigkeit einen hohlen pseudo-revolutionären Pathos erhalten mussten, aber dennoch Beamte sein wollten und somit nicht nur eigentlich den im Kern gleichen bürgerlichen Idealen anhingen wie die Generation dazwischen. So lernte die Generation danach die Vertreter derjenigen Generation kennen, die ihre Eltern in Fassungslosigkeit versetzt hatten: im Grunde Karikaturen, die im Hochgefühl, dass die Schlacht geschlagen war und es jetzt eigentlich nur noch darum ging, das richtige Müsli politisch korrekt einzukaufen, blindlings in ihre selbst gestellte Glaubwürdigkeitsfalle gelatscht waren.</p>
<p>Ich glaube, denn wissen kann ich es nicht und schon gar nicht beweisen, dass die Generation danach oder wir oder auch nur ich auf die Konfrontation mit diesem Glaubwürdigkeitsdefizit der 68er mit einer doppelten Verneinung reagierten, das meint nicht die Verneinung der Werte der 68er, also die ideelle Restauration des Miefs der 50er Jahre oder gar die Rehabilitation der Tätergeneration, sondern die Verneinung dessen, was durch die 68er auch verneint wurde, aber auch die Verneinung der Art und Weise, wie die 68er verneint hatten. Ich glaube, dass vieles an der Art und Weise, wie die 68er verneinten, die Generation danach eher abgestossen hat. Uns missfiel das Belehrende, das sich im Alleinstbesitz der Wahrheit Wähnende, das Agitierende, das hochfahrend Fordernde, die Selbstgewissheit und ja: auch die Selbsgerechtigkeit unserer Vorgänger-Generation. Das mag damit zusammenhängen, dass der Protest der 68er im Kern eigentlich immer nur ein normaler Generationenkonflikt blieb, eine Identitätsfindung der Jugend, die sich an ihren Eltern und von ihren Eltern abarbeitet und ablöst, ein Prozess, den jede Generation für eine gelungene Sozialisation zu durchlaufen hat, der aber für diese Generation der 68er hochgradig emotional aufgeladen war, da sie sich nicht nur von ihren Eltern ablösten, diese verneinen mussten, sondern es für ihre gelungene Ablösung auch notwendig war, sich mit der Tätergeneration, die ihre Eltern waren, auseinanderzusetzen. Eine ungeheure, eine doppelte Aufgabe, die sie anscheinend zwang, in diesem Prozess, der Verneinung einer Eltergeneration, die über alle Grenzen hinausgegangen war, ebenfalls über alle Grenzen hinauszugehen, sich von den Werten ihre Eltern weiter und weiter zu entfernen, sie entschiedener und wilder zu verneinen, als alle Generationen vor und nach ihr, um endlich und irgendwann in einer Identität zur Ruhe zu kommen, die eigentlich und immer bürgerlich geblieben war, aber dennoch auch immer ihre eingebildete Besonderheit behaupten musste, was gerade der Generation danach ziemlich auf die Nerven ging, da uns diese besondere emotionale Komponente des Identitätsfindungsprozesses völlig fehlte. Wir sind die Kinder einer skeptischen Generation und wir waren die Schüler der 68er Generation und wurden eine ernüchterte Generation, die jedem hochfahrendem Gestus misstrauten, ihn zuweilen bespöttelten, da wir geprägt durch eine pragmatische Elterngeneration die Glaubwürdigkeitsdefizite der 68er entlarven mussten, und so auch lernten, dass ein Postulieren von grossen Idealen, das Deklamieren von edlen Zielen fast zwangsläufig immer in einer Glaubwürdigkeitsfalle enden muss und dass je grösser die postulierten Ziele und je edler auch die deklamierten Ideale sind, desto grösser auch die zwangsläufige Fallhöhe sein wird und dass je grösser diese Fallhöhe, desto  jämmerlicher danach auch das Bemühen des Kaschierens einer Glaubwürdigkeitslücke, die man nach dem programmierten Absturz im schlimmsten Fall sein ganzes Leben lang mit sich herum tragen muss. Die Generation danach wollte keine Führer (auch keine Studentenführer), wollte keine Bewegung sein, wollte nicht in der geschlossenen Formation einer Generation rebellieren &#8211; wollte nicht deklamieren, nicht postulieren und wollte nur Generation sein, die keine Generation ist, die gleichsam getarnt durch ihr Jahrzehnt des gesellschaftlichen Theaterlichts marschiert, am besten ohne überhaupt jemals als Generation wahrgenommen zu werden.</p>
<p>Eine Haltung, die damals sicher nicht reflektiert worden ist von den Vertretern dieser Nicht-Generation, die keine Vertreter hatte, und die sich in Konfrontation mit ihren Lehrern instinktiv dazu entschloss, sich nicht zu wichtig zu nehmen, da im Sich-Zu-Wichtig-Nehmen eben auch immer eine Gefahr verborgen liegt, die nur bedingt durch das Mittel der Selbstironie entschärft werden kann, weshalb auch gerade die Ironie immer die wirksamste Waffe gegen die überbordende Wichtigkeit ihrer Vorgängergeneration gewesen war. Diese instinktive oder angelernte Grundüberzeugung der Generation danach sollte im Verlauf der nächsten Jahre zweimal eindrucksvoll bestätigt werden, zunächst aber geschah unerwartet Ungeheuerliches, 1985 wurde Gorbatschow Generalsekretär der KPdSU, 1989 fiel die Mauer, 1990 erfolgte die Wiedervereinigung, 1991 wurde der Warschauer Pakt, das Militärbündnis des Ostblocks, aufgelöst. Unsere Generation-dazwischen-Eltern sassen gerührt mit feuchten Augen vor der Glotze, während wir erst langsam begriffen, wenn wir überhaupt damals darüber nachgedacht haben, welche Auswirkungen diese Ereignisse auch für uns haben würden.</p>
<p>Die Bundestagswahl 1987 bestätigte die schwarz-gelbe Bundesregierung. Helmut Kohl blieb Kanzler, wenn auch seine CDU mit 4,5% die grössten Verluste hinnehmen musste. Die Grünen gewannen 2,7 Prozentpunkte, kamen insgesamt auf respektable 8,3%, während die SPD mit dem Spitzenkandidat Johannes Rau 37% der Stimmen erreichte. Nicht nur nach dem Willen eines Mannes, Oskar Lafontaine, sollte die Bundestagswahl 1987 die letzte Wahl zwischen zwei Spitzenkandidaten der Generation dazwischen gewesen sein, bereits bei der nächsten Wahl wollte er selbst gemeinsam mit den Grünen für die 68er nach der Macht greifen, ein Unterfangen, das nach Erkenntnis der Demoskopen bis etwa Anfang 1989 nicht unbedingt unrealistisch war, lähmte doch die Bräsigkeit der wiedergewählten Regierung die weitere Entwicklung der Bundesrepublik Westdeutschland zunehmend. Die Regierung Kohl war 1988/89 eigentlich am Ende, hätte die Wahl 1990 sehr wahrscheinlich nicht überlebt, wenn eben nicht die Deutsche Einheit dem Kanzler in den Schoss gefallen wäre und der Spitzenkandidat der SPD nicht den groben taktischen Fehler begangen hätte, lange Zeit gegen die schnellstmögliche Wiedervereinigung zu polemisieren, weshalb er dann von Kohl und dessen Zehn-Punkte-Plan für die Wiedervereinigung in einem bis dahin nicht für möglich gehaltenen Anfall von kohlschem Aktionismus faktisch überrollt wurde. Die Wahl 1990 ging für 68 verloren und markierte somit auch symbolisch einen Bruch in der weiteren Entwicklung der 68er Bewegung, deren Drehbuch es eigentlich vorgesehen hatte, dass ihre institutionalisierten Vertreter, Rot-Grün, die Regierungsverantwortung übernehmen sollten. Dass daraus 1990 und auch 1994 nichts wurde, hatte seinen Grund in dem Zusammenbruch des Ostblocks. Der zweite Weltkrieg, die Welt, wie wir sie kannten, war zu Ende, der kalte Krieg, die Gärhefe der 68er Bewegung, mit einem Mal Geschichte.</p>
<p>Wenn eine Generation doppelt verneint, sie auf Anführer verzichtet, sie nicht Bewegung sein will, dann will sie sich auch nicht artikulieren. Und wenn sie sich nicht artikulieren will, dann muss sie sich einen anderen Ausdruck suchen oder ein anderer Ausdruck muss sie suchen, so wie sich schon eine andere Generation, die amerikanische Generation Rock’n Roll, nicht artikulieren konnte und dennoch ab Mitte der 50er von einem anderen Ausdruck gesucht und gefunden wurde. Anfang der 90er deutete jedoch wenig darauf hin, dass sich dieser Ausdruck auch für die Generation danach würde finden lassen. Der musikalische Mainstream wurde von dem üblichen Zeitgeist-Pop beherrscht und vielleicht ergänzt durch Hip Hop und Techno, die damals endlich ein breiteres Publikum fanden. Selbst die „Hymne der Wende“ ward 1990 bereits gefunden und zwar in einem  Pfeiflied der Scorpions namens „Wind of Change“, das damals schon so furchtbar war, dass es heute kaum einer mehr hören kann. Die Lage, so wie sie sich der Generation danach aus heutiger Sicht und in dieser Fragestellung bot, war eigentlich hoffnungslos. Wenn es aber stimmt, dass der Rock’n Roll ein Kind des kalten Krieges war, dass er von Anfang an politisch bekämpft und selbst zum politischen Kampfinstrument, zur Gegenkultur wurde, die einer aufbegehrenden Jugend durch alle Jahrzehnte des kalten Krieges hindurch immer wieder neue Ausdruckmöglichkeiten an die Hand gab, da sie sich durch eine Gegenkultur in der Gegenkultur immer wieder regenerierte, die den ursprünglichen Geist des Rock’n Rolls bewahrte und durch die Generationen trug, dann musste ein solcher Ausdruck auch für die Generation danach fast zwangsläufig zu finden gewesen sein, dann musste Pandora, jetzt, da die Mauer gefallen war und mit der Geschichte des kalten Krieges auch die Geschichte des Rock’n Rolls, so wie wir ihn kannten, zu Ende ging, die Büchse ein zweites und letztes Mal öffnen, um dem Rock’n Roll die Hoffnung hinterher zu senden.</p>
<p>Es gibt Lieder, die treffen den Nerv ihrer Zeit und es gibt Lieder, die treffen den Nerv einer besonderen Zeit und dann gab es ein Lied, das traf den Nerv einer besonderen Zeit, indem es selbst diese Zeit abschloss und dieses Lied war oder ist „Smells Like Teen Spirit“. Als der kalte Krieg in die Geschichte kippte, sich dieser Kreis schloss, hatte der Rock’ n Roll schon lange nicht mehr das Monopol auf die alleinige Gegenkultur der Jugend. Der Rock’n Roll war zwar der Soundtrack des kalten Krieges, aber in den 80ern genügsam, wenn nicht sogar langweilig, weil poppiger geworden, es existierte im Mainstream ein Nebeneinander von alten Dinosauriern aus den 60ern, den 70ern, die sich in den 80ern immer wieder selbst zitierten, dem Rock’n Roll nichts wesentlich Neues mehr hinzufügen konnten, ebenso wie ihre Kollegen von der Hardrock oder Glam-Metal-Fraktion oder die originär 80er Jahre Rockbands, die in ihrer Musik irgendetwas ausdrücken wollten, was irgendjemand New Wave nannte und die zu Recht grösstenteils heute vergessen sind. Wenn der Rock’n Roll also eine Antwort geben musste auf das Ende einer geschichtlichen Periode, die auch das Ende seiner Geschichte war, dann konnte diese Antwort unmöglich durch den etablierten Rock’n Roll erfolgen, da diese Antwort, wenn sie denn den Kreis der eigenen Geschichtlichkeit schliessen wollte, gerade auch den etablierten Rock’n Roll in der Tradition des kalten Krieges verneinen musste. Genauer, die Antwort musste zweierlei leisten, sie musste die Gesellschaft des kalten Krieges als auch den etablierten Rock’n Roll, der sich als Gegenkultur zu dieser Gesellschaft entwickelt hatte, verneinen. Sie musste doppelt verneinen.</p>
<p>Im September 1991, wenige Wochen vor der Veröffentlichung von „Nevermind“, tourten Sonic Youth durch Europa, begleitet von einigen Bands, u. a. Dinosaur Jr., Babes in Toyland und auch Nirvana, die alle dem Spektrum des sogenannten Indie-Rocks angehörten. Im Film <a href="http://www.nytimes.com/2011/09/25/movies/homevideo/sonic-youth-film-1991-the-year-punk-broke-on-dvd.html " target="_blank">„1991: The Year Punk Broke“</a>, der im September 2011, also zwanzig Jahre danach auf DVD erschien, werden die Ereignisse  dieser Tour, onstage und backstage, dokumentiert. Diese Aufnahmen so kurz vor dem Erscheinen von Nevermind zeigen eigentlich einen 95minütigen Kindergeburtstag, junge Musiker, die miteinander Spass haben, sich gegenseitig veralbern und ab und zu auch Musik machen. Der Titel des Films ging zurück auf einen Witz des Filmemachers, der zusammen mit Bandmitgliedern von Sonic Youth bei MTV ein Musikvideo sah, in welchem ausgerechnet Mötley Crüe „Anarchy in the U.K.“ von den Sex Pistols coverten. „1991 ist das Jahr, in dem der Punk der Durchbruch gelingt.“ witzelte David Markey und schuf damit einen Running Gag, der während der Tour ständig wiederholt wurde, vermeintlich wohlwissend, dass dem niemals der Fall sein könnte.</p>
<p>Die wohl kommerziell erfolgreichste Spielart des Metals in den 80er Jahren war der sogenannte „Glam Metal“. Wie der Name schon sagt, legten die Vertreter dieses Genres, wie beispielsweise eben Mötley Crüe, grossen Wert auf ein glamouröses Outfit. Die langen Haare waren meistens gefärbt, nicht selten blondiert, oft auch toupiert oder mit dem Fön voluminiert, die Gesichter geschminkt und die Klamotten zumeist hauteng und gerne auch in effektvollen Farben, Mustern und Schnitten. Vom Look her also irgendwo zwischen Barbie und den Chippendales, war der musikalische Mehrgewinn des Glam Metals eher minimal, amerikanische Plattenfirmen schmissen aber dennoch massenhaft Bands dieser Art auf den Markt, teilweise Retortenbands, schnell gecastet, dann zum Hairstylisten geschickt und anschliessend zum Videodreh beordert. Die Videos waren zumeist genauso einfallsreich wie der musikalische Output, da sie fast alle ein und demselben Drehbuch folgten. Die Bandmitglieder mimten theatralisch aufgedonnert einen Liveauftritt ohne Livepublikum, Bassist und Gitarrist schwenkten die Gitarrenhälse mal lasziv oder provokativ als Phallusverlängerung vor sich her, der Drummer malträtierte sein Schlagzeug auf das Äusserte, der Sänger gab sich alle Mühe zu beweisen, dass man auch ohne Eunuch zu sein im Falsett singen kann, manchmal gab es dann noch ein wenig Pyrotechnik, aber immer und unweigerlich schritt irgendwann die leicht bekleidete Damenwelt, Marke Californian Dreamgirl, ins Bild und schmachtete die vier oder fünf Clowns unter Make-up und Mascara hinternkreisend an. Diese Art des Rock’n Rolls als seine eigene billige und kommerzielle Karikatur war in ihrem ganzen Auftreten so provozierend, dass der Glam Metal früher oder später durch die Gegenbewegung in der Gegenbewegung angegriffen werden musste und interessanterweise bediente sich dieser Angriff, als er dann erfolgte, ausgerechnet des Universaldrehbuches der Glam-Metal-Videos, allerdings, indem es dessen Regieanweisungen spiegelbildlich in das Negative verkehrte. Das <a href="http://www.mtv.de/videos/19527136-nirvana-smells-like-teen-spirit.html" target="_blank">Video</a> zu „Smells Like Teen Spirit“ ist sattsam bekannt, es zeigt die Band, die in einer Schulsporthalle einen Liveauftritt mimt in Strassenklamotten vor einem jugendlichen Livepublikum, die Damen sind keine Californian Dreamgirls sondern eher dunkle Cheerleader, die zumeist im Schatten agieren, das rote Anarcho-Zeichen auf ihren schwarzen Kleidern tragen und auch nicht die Musiker anschmachten sondern zu Beginn eher linkisch versuchen, ein anfangs skeptisches Publikum anzufeuern. Kurt Cobain zieht mit fettigen Haaren während sein Gitarrensolo zu hören ist ostentativ eine neue Saite auf seine Gitarre, bevor am Ende alles im Chaos endet, das Publikum die Bühne stürmt und alle, Band, Cheerleader und Publikum orgiastisch tanzen oder wahlweise das Equipment zerstören. Dieses Video war eine Verneinung, die den Glam Metal mit voller Wucht traf, ein Schlag, von dem er sich nicht mehr erholen sollte, und das, was ihn traf war neben der Musik die Tatsache, dass Nirvana dieser Fratze des Rock’n Rolls mittels dieser Bilder den Spiegel vorhielt und wir verstanden, dass sie dazu auch eine Berechtigung besassen, da sie etwas hatten, was dieser Rock’n Roll des kommerzialisierten Mainstreams niemals und zu keinem Zeitpunkt hatte und das war eine unbedingte Glaubwürdigkeit. 1991 war das Jahr, als dem Punk der Durchbruch gelang, als die Gegenbewegung in der Gegenbewegung endlich den Mainstream überwand, und der Punk, dieser kleine, schmuddelige Bruder der „offiziellen“ Gegenkultur, die in der Tradition der 68er Mucke stand aber jetzt vollständig durch den Kommerz aufgesogen worden war, just zu dem Zeitpunkt als der historische Fixpunkt dieser 68er Bewegung in die Geschichte kippte auch deren Gegenkultur selbst in die Geschichtlichkeit kickte, indem er auf die Bühne kletterte, die Gitarre in den Verstärker stöpselte und die Worte in das Mikro schrie, die in den Ohren einer doppelt verneinenden Generation, die immer eine Generation nach einer dominierenden Generation geblieben war und deshalb auch immer im vergleichenden Bezug zu dieser Vorgängergeneration stand, auf vorbereiteten und fruchtbaren Boden fielen, da diese Worte eben diesen vergleichenden Bezug abschnitten und der Generation danach, die keine Generation sein wollte, ihren einzig möglichen Ausdruck gaben:</p>
<p>With the lights out, it’s less dangerous<br />
Here we are now, entertain us<br />
I feel stupid and contagious<br />
Here we are now, entertain us*</p>
<p>Ich denke, das war der Grund für den Erfolg von „Smells Like Teen Spirit“, dass sich in diesem Lied verschiedene Kreise endlich schlossen. Dass die Gegenkultur in der Gegenkultur diese nicht mehr erneuerte, indem sie sie inspirierte, sondern sich ihr verweigerte und selbst zur alleinigen Gegenkultur einer neuen Zeit <em>nach</em> 68, <em>nach</em> dem Kalten Krieg wurde, eine neue Gegenkultur, welche die alte ablöste und nur ablösen konnte, wenn sie sie so entschieden verneinte, wie nur der Punk zu verneinen vermochte. „Hier sind wir jetzt, unterhaltet uns. Ich fühle mich dumm und ansteckend.“ behauptete einen eigenen Anspruch, der nicht mehr in der Tradition der 68er Protestmusik stand sondern gerade diese Tradition veralberte, indem er nichts anderes proklamierte und deklamierte als sich selbst. Keine verlogenen Ideale mehr, keine Weltverbesserung zur eigenen Selbstbeweihräucherung, keine Sexuelle Revolution für eine schnelle Verfügbarkeit und Kommerzialisierung des Sexes, kein Marsch durch die Institutionen ins eigene Reihenhaus, kein Love and Peace &#8211; stattdessen die letzte Strophe:</p>
<p>And I forget just why I taste<br />
Oh yeah, I guess it makes me smile<br />
I found it hard, it’s hard to find<br />
Oh well, whatever, nevermind*</p>
<p>Dieses Lied war zweierlei, es war die Katharsis des Rock’n Rolls und der Ausdruck einer Generation, die sich an den 68ern abgearbeitet hatte oder von ihnen abgearbeitet wurde, die mit und durch Politik (über)sozialisiert worden war, sich an ihr ernüchterte und sich nun misstrauisch als auch emphatisch von ihr abwandte, gerade so wie Kurt Cobain dem letzten Refrain neunmal die Worte „a denial“ hinterher schrie. Dieses Lied war gleichzeitig aber auch eine Wegmarke, die das Ende des Rock’n Rolls markierte oder, wenn man so will, seinen letzten magischen Moment. Damals dachte ich vielleicht, dass diesem magischen Moment noch viele weitere Momente folgen würden. Heute jedoch, nach zwanzig Jahren, weiss ich, dass dem nicht der Fall war, dass nichts mehr folgte, es gab zwar in den letzten zwanzig Jahren eine Menge guter Musik, aber nichts mehr von vergleichbarer Relevanz für eine Jugend in ihrem Jahrzehnt der „Generation“. Dass dem so war, hing auch mit der Art und Weise zusammen, wie Nirvana verneint hatte.</p>
<p>1994, am 5. April, beging Kurt Cobain Selbstmord. Bald darauf stand in der Spex zu lesen (und ausnahmsweise war es mal allgemeinverständlich formuliert), dass Cobain der erste MTV-Tote gewesen sei, ein Rockstar, der kein Rockstar sein wollte, aber von MTV wieder Willen zu einem gemacht wurde, und der sich dem Zugriff der Vermarktungsmaschinerie trotzdem immer zu verweigern suchte und als diese Unmöglichkeit nicht gelang, sich ihr „folgerichtig“ ultimativ entzog. Im <a href="http://kurtcobainssuicidenote.com/kurt_cobains_suicide_note_scan.html" target="_blank">Abschiedsbrief</a> Cobains steht zu lesen:</p>
<p>„Ich fühle mich unbeschreiblich schuldig deswegen. Zum Beispiel, wenn wir backstage sind, das Licht ausgeht und die Menge manisch zu brüllen beginnt. Das berührt mich nicht so, wie es Freddie Mercury berührte, der es anscheinend liebte, in der Liebe und Anbetung der Menge aufzugehen, was etwas ist, das ich bewundere und um das ich ihn beneide. Der Punkt ist, dass ich euch nicht zum Narren halten kann, keinen von euch. Das grösste denkbare Verbrechen wäre für mich, die Leute abzuzocken, indem ich behaupte oder so tue, als hätte ich 100% Spass. Manchmal denke ich, ich bräuchte eine Stechuhr bevor ich raus auf die Bühne gehe.“</p>
<p>Die Gegenkultur in der Gegenkultur bezog ihre Daseinsberechtigung aus der Verneinung einer etablierten Gegenkultur, in deren Schatten sie nur gedeihen konnte. Die eigentliche Kraft der Verneinung von „Smells Like Teen Spirit“ lag deshalb in der absoluten und unbekümmerten Glaubwürdigkeit, die dem etablierten Rock’ n Roll die Maske vom Gesicht riss und den Kommerz dahinter für alle sichtbar machte. Der Preis, den die Gegenkultur dafür zu zahlen hatte, war der Erfolg, der sie selbst zum Kommerz werden liess, woraufhin die Glaubwürdigkeit früher oder später kollabieren musste. Der Skeptizismus der Generation danach hatte zum ersten Mal recht behalten, nicht nur das Formulieren von Idealen sondern auch das Formulieren von Nicht-Idealen kann eine beträchtliche Vergrösserung der Fallhöhe zur Folge haben, wenn es, das Formulieren, in Glaubwürdigkeitsfallen gerät, die sich auch wider Willen stellen können, zumal Cobain die einzige Waffe dieser Gefahr wirksam zu begegnen, die Selbstironie, offensichtlich fehlte.</p>
<p>Der ungeheure Erfolg von Nirvana hatte die Balance der beiden ungleichen Brüder des Rock’n Rolls zerstört. „Smells Like Teen Spirit“ war jetzt selbst Mainstream, aus einem Gegeneinander, dem bestimmenden Kennzeichen des Rock’n Rolls des kalten Krieges, wurde ein Mit- oder Nebeneinander unterschiedlicher Stilrichtungen des Rock’n Rolls, der seine gesellschaftliche Relevanz endgültig verbraucht hatte.</p>
<p>1998 gewann 68 endlich ihre Bundestagswahl, Schröder und Fischer, Rot-Grün, waren in Regierungsverantwortung. Und auch wenn vieles, was an Politik dann folgte, vielleicht dem Zeitgeist zu schulden war, so ist es dennoch bemerkenswert, dass ausgerechnet diese Regierung den ersten Kriegseinsatz der Bundeswehr verantwortete, die Agenda 2010 auf den Weg brachte, eine konzernfreundliche Wirtschaftspolitik wie von Piëchs Gnaden betrieb, die letzten Deregulierungen der Finanzmärkte vornahm und damit die Ideale ihrer Jugend so gründlich verriet, wie man Ideale gründlicher nicht verraten kann.</p>
<p>* Songwriters: GROHL, DAVID / COBAIN, KURT D. / KRIST, NOVOSELIC. Smells Like Teen Spirit lyrics © Warner/Chappell Music, Inc., EMI Music Publishing, Sony/ATV Music Publishing LLC.</p>
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		<title>Motorrad ohne Tank</title>
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		<pubDate>Mon, 27 Jun 2011 20:00:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Zajac</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich habe mir ein Motorrad gekauft. Ich hatte schon ein anderes Motorrad, bevor ich mir dieses Motorrad gekauft habe, aber jenes Motorrad habe ich verkauft, nachdem ich mir dieses Motorrad gekauft habe. Das Motorrad, das ich gekauft habe, ist ein &#8230; <a href="http://www.schriftgeschwindigkeit.de/2011/06/27/motorrad-ohne-tank/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich habe mir ein Motorrad gekauft. Ich hatte schon ein anderes Motorrad, bevor ich mir dieses Motorrad gekauft habe, aber jenes Motorrad habe ich verkauft, nachdem ich mir dieses Motorrad gekauft habe. Das Motorrad, das ich gekauft habe, ist ein altes Motorrad &#8211; so viel älter und schäbiger als das Motorrad, das ich verkauft habe und das ein fast neues Motorrad war.<span id="more-91"></span></p>
<p>Ich habe mir ein schäbiges altes Motorrad gekauft in einer Garage in Iserlohn. Und als ich auf dem Weg nach Iserlohn war, um mir ein altes schäbiges Motorrad zu kaufen, habe ich mich gefragt, ob ich das wirklich tun soll, mir ein altes schäbiges Motorrad kaufen, nur weil ich im Internet auf der Webseite einer <a href="http://www.classicmotors.de/" target="_blank">Motorradwerkstatt aus Dortmund</a> ein aussergewöhnliches Motorrad gesehen habe und sodann gleich in Dortmund anrief, um den Meister zu fragen, ob er mir dabei helfen könne, eines Tages ein ebenso aussergewöhnliches Motorrad zu fahren wie er. So fuhr ich also nach Iserlohn und fragte mich, ob ich das tatsächlich tun solle, mir ein altes schäbiges Motorrad zu kaufen, nur weil der Meister nach anfänglichem Zögern mir am Telefon gesagt hatte, dass er mir schon helfen könne, eines Tages ein ebenso aussergewöhnliches Motorrad zu fahren, jedoch bräuchten wir dazu das passende Ausgangsmaterial, aus dem sich ein ebensolches aussergewöhnliches Motorrad auch herstellen liesse. So fuhr ich also zu einer Garage in Iserlohn, um mir ein passendes Ausgangsmaterial für ein aussergewöhnliches Motorrad zu kaufen, das zu diesem Zeitpunkt noch ein altes, ziemliches schäbiges Motorrad war und ich fragte mich, ob es so schlau ist, ein 35 Jahre altes, schäbiges Motorrad zu kaufen, das von einem Mann in Iserlohn verkauft wurde, der es in den letzten zehn Jahren besass und es, wie er mir am Telefon gesagt hatte, verkaufen wolle, da es, das Motorrad, seine Bandscheiben zunehmend plage und nach meiner Befürchtung bestimmt so alt und schäbig war, dass es ein ziemlich unkalkulierbares finanzielles Risiko darstellte. Und so stand ich dann endlich in der Garage in Iserlohn, sah erwartungsgemäss ein altes und schäbiges Motorrad, für dessen materiellen Erhalt nicht nur in den letzten zehn Jahren offensichtlich ausser der anhand der Werkstattrechnungen ausgewiesenen notwendigsten Wartungsarbeiten so gut wie nichts investiert worden war und fragte mich, ob ich das wirklich tun solle und fragte mich das bis zu dem Moment, da der Mann mit den durch dieses Motorrad geplagten Bandscheiben den Schlüssel in das Schloss des alten und schäbigen Motorrades steckte, den Chokehebel betätigte und schliesslich den Anlasser drückte. Ich stand in einer Garage in Iserlohn und musste laut lachen, denn das was geschah als der Mann den Anlasser drückte, war unerhört. Es war unerhört, da diese Sinfonie aus dem Klickern der Ventile, dem Schnüffeln der offenen Vergaser und dem vollkommen ungenierten Bollern des Auspuffs unvermittelt und plötzlich ein Fenster eröffnete zurück in eine Zeit, in welcher man aufhörte Motorräder zu bauen und begann Kraftfahrzeuge zu produzieren, die vornehmlich der Freizeitbeschäftigung dienen sollten und die zunehmend, dem Zeitgeist folgend, mit Luftfiltern, Schalldämpfern, Plastik, Elektronik und Vorschriften zugestopft wurden. Es war unerhört, dass da in der Garage in Iserlohn offensichtlich eines der letzten Motorräder stand, dessen rotzige Lebensäusserungen auf einen gänzlich unvorbereiteten Motorradfahrer trafen, der sehr wohl wusste, zu was dieses Motorrad fähig ist aber im Laufe der Jahre vergessen hatte oder vergessen musste, wie sich das, zu dem ein echtes Motorrad fähig ist, anhört, anriecht und anfühlt.</p>
<p>Ich habe in den letzten Jahren viele unterschiedliche Motorräder ausprobiert, unterschiedliche Motorräder der unterschiedlichsten Motorradgattungen, von denen ich manchmal gar nicht wusste, das es sie mittlerweile gibt, so wenig habe ich mich vor den letzten Jahren um Motorräder gekümmert. Ich habe aber immer nur Motorräder ausprobiert, die nicht mehr als zwei Zylinder hatten, denn ich finde, mehr als zwei Zylinder braucht kein Motorrad, auch wenn die Experten in den Motorradmagazinen immer schreiben, dass die mehrzylindrigen Motoren über mehr Laufkultur verfügten, je mehr Zylinder sie hätten und ich mir dann immer denke, wenn ich Kultur bräuchte, könnte ich ja ins Theater gehen oder Arte gucken und müsste nicht motorradfahren. Ich habe in den letzten Jahren nach den vorletzten Jahren die unterschiedlichsten Motorräder ausprobiert, ich habe Chopper gefahren, deren Schalldämpfer man laut oder leise stellen konnte, Superbikes, die so aussahen wie aus Origamipapier gefaltet, Naked Bikes, die das Design eines Monsterinsekts hatten und dann noch Powercruiser, Enduros und Supermotos, die auch irgendein Design hatten und auch irgendwie so aussahen, was ich aber vergessen habe. Alle diese Motorräder, die ich fuhr, waren ganz hervorragende moderne Kraftfahrzeuge, aber immer wenn ich diese Motorräder fuhr, hatte ich nach einiger Zeit das Gefühl, ich würde irgendetwas anderes machen &#8211; nur nicht motorradfahren.</p>
<p>„Drei Wochen“, sagte der Mann am anderen Ende der Telefonleitung, den ich angerufen hatte, um ihn zu fragen, wie lange es dauern würde, bis er den Tank des alten und schäbigen Motorrades, das ich in Iserlohn gekauft und das den Winter über in der Werkstatt des Meisters in Dortmund gestanden hatte, die immer so aussieht, als seien gerade eben mindestens 10 Motorräder explodiert, was mich aber bei meinen Besuchen in der Werkstatt gar nicht störte sondern ganz im Gegenteil ausserordentlich freute, weil mein Büro auch immer so so aussieht, als seien gerade eben mindestens 10 Aktenordner explodiert &#8211; bis also der Mann am anderen Ende der Telefonleitung, den Tank des alten schäbigen Motorrades, den ich mitsamt Motorrad im Frühjahr zu mir in den Nordschwarzwald überführt hatte und welcher naturgemäss nach 35 Jahren seines Bestehens etwas Rost in seinem Inneren aufwies, von diesem Rost befreit und sodann rostsicher versiegelt haben würde. „Drei Wochen“, sagte also der Mann am anderen Ende der Leitung und ich sagte nichts mehr, dachte vielmehr an meine erstaunlichen ersten Runden mit meinem neuen, alten, schäbigen, rostigen und scheppernden Motorrad durch den Nordschwarzwald, während denen ich niemals auf den Gedanken kam, gerade etwas anderes zu machen als motorradzufahren und sagte nichts mehr, bis der Mann am anderen Ende der Telefonleitung, der sich auf die Entrostung und Versiegelung von alten Motorradtanks spezialisiert hatte, sagte: „Ja, ich weiss, das ist hart.“ Und so demontierte ich also, um nicht noch mehr Zeit zu verlieren, unverzüglich den rostigen Tank des alten und schäbigen Motorrades, leerte und reinigte ihn, verstaute ihn sorgfältig in einem Paket, schrieb auf dieses Paket „Vorsicht! Zerbrechlich! Glas!“ und versendete das Paket mit Tank an den Mann von der Tankversiegelung.</p>
<p>Und so hatte ich jetzt ein Motorrad ohne Tank und stand jeden Tag vor meinem Motorrad ohne Tank, schaute es an und überlegte mir anfänglich, warum ich Trottel jetzt vor einem alten schäbigen Motorrad ohne Tank stehe und es anschaue statt ein neues, ganz hervorragendes Motorrad mit Tank zu fahren, das gar keinen Rost im Tank haben kann, da dieser nämlich aus Plastik ist, und das ich verkauft hatte. Aber dann dachte ich mir trotzig: Besser ein Motorrad ohne Tank als gar kein Motorrad mit Tank und machte mich daran, das alte Motorrad ohne Tank Zug um Zug zu renovieren. Ich zerlegte also die Vergaser und machte mir Gedanken um ein Motorrad ohne Tank und fragte mich, was nur damals in der Garage von Iserlohn geschehen ist, dass ich Iserlohn nicht verlassen konnte, ohne das alte und schäbige  Motorrad zu kaufen, welches nun ohne Tank und somit vollkommen nutzlos vor mir stand. Und während ich die Vergaser reinigte, erinnerte ich mich daran, kürzlich in den Motorradmagazinen gelesen zu haben, dass <a href="http://www.bmw-motorrad.de/" target="_blank">BMW</a>, die ja der letzte ernstzunehmende Motorradhersteller in Deutschland sind, derzeit einen neuen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Boxermotor">Boxermotor</a> entwickelt. Dazu muss man wissen, dass der Boxermotor ein fester Bestandteil des Markenkerns von BMW Motorrad ist, da BMW seit den 1930er Jahren an dem Konzept dieses luftgekühlten Zweizylinder-Boxermotors bis in die heutige Zeit festgehalten hat, auch wenn mit dem Boxermotor einige Nachteile verbunden sind und BMW immer auch andere Arten von Motoren in ihren Motorrädern verbaute. Einer der unbestrittenen Vorteile der Boxermotoren aber, der auch bis in die heutige Zeit hinein von BMW und den BMW-Fahrern immer wieder gerne betont wird, ist die effiziente Luftkühlung der beiden Zylinder, die jeweils links und rechts im 90° Winkel aus dem Motorenblock herausragen und somit vollständig dem kühlenden Fahrtwind ausgesetzt sind, was den BMW Konstrukteuren bisher erlaubte, für den Boxermotor auf den Einsatz einer komplexer zu konstruierenden Wasserkühlung verzichten zu können. Nun hatte ich in den Magazinen gelesen, dass BMW zwar weiterhin an dem Konzept des Boxermotors festhielt, statt der Luftkühlung aber zum ersten Mal eine Wasserkühlung testete und diesen Fortschritt sogleich ganz geheim an die Motorradjournalisten durchsteckte, damit diese das sofort und ganz exklusiv ihrer Leserschaft enthüllten und BMW somit indirekt die Reaktionen der eigenen Anhängerschaft testen konnte. Den Berichten war auch ein Bild beigefügt, so erinnerte ich mich, und dieses Bild zeigte ein sonderbares Ding, es zeigte einen wassergekühlten Motor, der gar nicht wie ein wassergekühlter Motor aussah, da er nämlich nach wie vor die für die Luftkühlung unabdingbaren Kühlrippen aufwies, die er ja so nicht mehr brauchte, da unter den Kühlrippen das kühlende Wasser um die Zylinder herum gepumpt und damit die eigentliche Kühlwirkung erzielt werden sollte. Der Motor war, so wie er sich auf dem Bild präsentierte, zwei in einem, dachte ich und versah währenddessen die Vergaser mit neuen Dichtungen, er war ein moderner, wassergekühlter, effizienter Zweizylindermotor, und er war gleichzeitig die Attrappe eines luftgekühlten Motors, der nach wie vor seine zwei Zylinder im 90° Winkel links und rechts aus dem Motorblock in den Fahrtwind streckte und dabei die für eine Luftkühlung unabdingbaren und für eine Wasserkühlung nutzlosen Kühlrippen präsentierte. Dieser Motor in seiner Form, dachte ich, hatte demnach auch zwei Funktionen, er hatte die Funktion eines Motors und die Funktion einer Täuschung, da ein Teil seiner Funktion von der Form abgelöst war, ein Teil seiner Funktion, nämlich die Wasserkühlung, nicht mehr an seiner Oberfläche abgelesen werden konnte und die tatsächliche Form dem Betrachter den Eindruck einer Luftkühlung vermitteln sollte. Kurz gesagt, der Motor tat so, als sei er luftgekühlt, er war es aber nicht.</p>
<p>Es gibt Motorräder, so wusste ich, die tragen nach wie vor ihren Tank zwischen Lenker und Sitzbank, bevorraten aber ihren Sprit im Rahmen oder unter dem Sitz, so wie es Motorräder gibt, die ich gefahren habe und die „so tun als ob“ sie einen ungefederten, starren Rahmen besässen und die dennoch vorhandene Federung unsichtbar unter dem Getriebe verbergen. „So tun als ob“ also, dachte ich und tauschte die beiden ausgeschlagenen Gasschieber der Vergaser gegeneinander. „So tun als ob“ löst in einem ersten Schritt die Form von der eigentlichen Funktion ab und verändert in einem zweiten Schritt die abgelöste Form oder die Funktion dergestalt, dass sie eine andere Funktion oder Form als die tatsächliche behauptet. Die behauptete oder untergeschobene Funktion der abgelösten Form soll durch den Betrachter implizit erkannt und verstanden werden, obwohl die tatsächliche Funktion eine ganz andere ist. Es gibt aber auch eine Art der Ablösung von der Form, so dachte ich, die nicht durch den Betrachter oder Anwender implizit erkannt sondern ihm explizit erklärt werden muss. Diese Ablösungen der Form von der Funktion schaffen neue Deutungsmuster von Formen und finden sich beispielsweise in fast jedem modernen Automobil. Es ist noch nicht allzu lange her, erinnerte ich mich und setze die Vergaser wieder zusammen, da fanden sich in jedem Auto auf dieser Welt an der Fahrer- und Beifahrertür, bei Viertürern oft auch an den hinteren Türen, kleine Kurbeln, die so genannten Fensterkurbeln. Die Funktion dieser Fensterkurbel war ihrer Form einfach abzulesen, die Kurbel war selbsterklärend. Ausser vielleicht bei Land Rover finden sich diese Kurbeln heute noch in kaum einem Automobil, sie wurden durch kleine Elektromotoren ersetzt, die zuerst in der Premiumklasse Einzug hielten und bis in unsere Zeit auch die Türen der Kleinwagen eroberten. Die Elektromotoren sieht man nicht mehr, dachte ich und demontierte die hinteren Stossdämpfer, sie sind in den Türen verbaut und werden betätigt durch einen kleinen Hebel oder einen Knopf, der prinzipiell jede Hebel- oder Knopfform haben und überall im Auto verbaut sein könnte, da seine Funktion, das An- und Ausschalten eines elektrischen Impulses, der Funktion des Fensterherunteroderheraufkurbelns bis in das äusserst Minimalistischste entfremdet wurde. Es gibt mittlerweile ziemlich viele Knöpfe und Hebel in einem modernen Automobil, wusste ich, und jeder Knopf und jeder Hebel könnte eine Vielzahl von unterschiedlichen Funktionen auslösen, denn es gibt mittlerweile auch ziemlich viele Funktionen in einem modernen Automobil und man sieht dem einzelnen Knopf und dem einzelnen Hebel nicht mehr ohne Weiteres an, welche konkrete Funktion er auslöst, ob er nun die Klimaanlage in Gang setzt oder die Fenster herunter- oder heraufkurbelt, den Sendersuchlauf im Radio startet, die Klimazonen im Fahrzeug wählt, den Sitz nach hinten schiebt, den Sitz tiefer stellt, die Sitzheizung reguliert, den Tank öffnet, die Türen verriegelt oder die Türen entriegelt. Knöpfe und Hebel sind uniform, dachte ich, nachdem ich feststellen musste, dass einer der alten Stossdämpferaufnahmebolzen für die neuen Stossdämpfer zu gross war, und weil das so ist, müssen wir uns all diese uniformen Knöpfe und Hebel erklären lassen, da diese sich nicht mehr, wie einst die Fensterkurbel, selbst erklären. Wir müssen uns also beispielsweise sagen lassen: „Dies ist der Knopf, mit dem man die Fenster herunterkurbelt.“ Und weil die Ingenieure der Verknopfung und Verhebelung erstens viel zu wenige sind und zweitens auch nicht so viel Zeit haben, um sich während der Fahrt neben jeden Einzelnen von uns zu setzen und immer wieder zu sagen, „Dies ist der Knopf mit dem man die Fenster herunterkurbelt“ und „Dies ist der Hebel, der den Sitz nach hinten schiebt“ oder „Das ist der Knopf für die Klimaanlage und den bedient man so“, haben sie sich die Arbeit erleichtert und fast jeden Knopf und jeden Hebel mit einem Zeichen oder einer Buchstabenabkürzung versehen, die wir verstehen sollen, wenn wir mal wieder an einem Sommertage in einem viel zu heissen Auto sitzen, so wie ich gerade mit meinem viel zu grossen Stossdämpferaufnahmebolzen in einem mir ungewohnten, viel zu heissen Automobil sass, um den Bolzen bei einem Werkzeugmacher abdrehen zu lassen und verzweifelt nach einem Knopf suchte, der die verdammten Fenster für mich herunterkurbeln sollte.</p>
<p>Die allgemeine Verknopfhebelung ist global, denn Knöpfe, Hebel und Autos werden für den globalen Markt produziert. Knöpfe, Hebel und Funktionen, die uns entfremdet werden, müssen durch ihre Zeichen global verstanden werden. Sie müssen u. a. verstanden werden durch deutsche, italienische, französische, brasilianische, spanische, südafrikanische, nordamerikanische und chinesische Autofahrer. Sie müssen verstanden werden durch die Autofahrer der Welt und schaffen deshalb eine Universalsprache der entfremdenden Verknopfhebelung und seltsamerweise gleichzeitig auch einzelne Provinzen der Verknopfhebelung, die sich wiederum gegeneinander entfremden, denn Knöpfe und Hebel mögen globale Bezeichnungen tragen, sind aber in den Autos der unterschiedlichen Marken immer unterschiedlich angeordnet. Das hat, so fand ich während ich den mittlerweile passend abgedrehten Stossdämpferaufnahmebolzen in sein Gewinde schraubte und daraufhin endlich beide neuen hinteren Stossdämpfer montieren konnte, den Effekt einer doppelten Entfremdung, da wir erstens durch die zeichentragenden Knöpfe und Hebel immer mehr den Funktionen entfremdet werden und zweitens uns an immer neue Ordnungen der Entfremdungen gewöhnen müssen, denn es gibt zwar mittlerweile eine Universalsprache der Verknopfhebelung aber keine Universalordnung derselben, so findet sich der Knopf, der die Fensterkurbel ersetzt, bei einigen Fabrikaten in den Türen, bei anderen in der Mitte des Cockpits aber auch zuweilen in der Mittelkonsole zwischen den Vordersitzen. Jedes Fabrikat schafft seine eigene Ordnung der uniformen aber universal bezeichneten, funktionsauslösenden und Funktions entfremdeten Knöpfe und Hebel, der wir uns anzupassen haben, wollen wir das Automobil nach unseren Bedürfnissen bedienen. Und damit wir nicht jedes Mal, wenn wir in unsere Automobile steigen, verrückt werden vor Verzweiflung über eine immer wieder neu zu erbringende Anpassungsleistung, eine nie enden wollende Suche nach den zu der jeweiligen Situation passenden Knöpfen und Hebel, nicht bei 35° Celsius in unseren Autos verdampfen wollen, bei der endlosen Suche nach dem nicht mehr erinnerten Sitz des richtigen Knopfes für die Fensterkurbel, wird uns diese Anpassungsleistung zur Gewohnheit, wir gewöhnen uns an, die vom jeweiligen Hersteller vorgeschriebenen Wege unserer Extremitäten, unserer Arme, Hände und Finger, drücken die richtigen Knöpfe und betätigen die richtigen Hebel zum richtigen Zeitpunkt und denken nach kurzer Zeit in unseren  Automobilen gar nicht mehr an die Knöpfe und Hebel, die wir bedienen, da ihre Bedienung uns Gewohnheit geworden ist und die herrschende Ordnung der Knöpfe und Hebel, die niemals die unsere war und die auch nicht mehr die unwillkürliche Ordnung der ursprünglichen Funktionen ist sondern vielmehr die vollkommen willkürliche Ordnung der Ingenieure, eine gegebene Ordnung also, uns ganz und gar in Fleisch und Blut übergegangen ist.</p>
<p>Wir übernehmen also eine fremde Ordnung, dachte ich, nachdem ich den rostigen, scheppernden Auspuff endlich entfernt hatte, eine fremde Ordnung, die nie die unsere war und die auch nicht mehr die ursprüngliche Ordnung der Funktionen ist, die selbsterklärend waren, sondern eine Ordnung, die von den eigentlichen Funktionen völlig abgelöst ist und die durch und nach ihrer Ablösung von den Funktionen durch die Ingenieure vollkommen willkürlich gestaltet werden kann und die oft genug immer nur so tut, als ob sie die unsere Ordnung wäre oder eine Ordnung, die selbsterklärend ist aber tatsächlich immer nur erklärt wird durch die Ingenieure.</p>
<p>So dachte ich und setzte mich auf meine grüne, leere und umgedrehte Sprudelkiste vor meinem Motorrad ohne Tank, das völlig nutzlos und ohne Auspuff vor mir stand und verstand, dass wenn wir nicht mehr die Maschine durch ihre selbsterklärenden Funktionen bedienen sondern die Maschine durch eine uns bedächtig angewöhnte und willkürliche Ordnung bedienen müssen, wir eigentlich nicht die Maschine bedienen sondern die Ingenieure durch eine Maschine, die so tut, als ob sie durch uns bedient wäre, eigentlich und in Wahrheit uns bedienen.</p>
<p>So dachte ich auf meiner grünen Sprudelkiste angesichts meines Motorrads ohne Tank und dachte an Google, Apple und facebook, dachte an die Deutsche Bank und Goldman Sachs, dachte an Demokratie, dachte an die Regierung und die Opposition und dachte an einen Text, der so tut, als handele er von einem Motorrad ohne Tank aber eigentlich und in Wahrheit immer nur von der Freiheit spricht.</p>
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		<title>Unser Weg zum Pool</title>
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		<pubDate>Mon, 27 Jun 2011 19:59:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Zajac</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es gibt ein neues Blog,  genauer gesagt ein Doppelblog, das noch genauer gesagt gar nicht mehr so neu ist, aber dennoch geheim bleiben sollte, was aber nicht so recht funktionierte, und in das ein alter Freund von mir, der Herr &#8230; <a href="http://www.schriftgeschwindigkeit.de/2011/06/27/unser-weg-zum-pool/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es gibt ein neues Blog,  genauer gesagt ein Doppelblog, das noch genauer gesagt gar nicht mehr so neu ist, aber dennoch geheim bleiben sollte, was aber nicht so recht funktionierte, und in das ein alter Freund von mir, der Herr Griebel, und ich gelegentlich reinschreiben. Das Blog ist zu erreichen unter <a href="http://www.unserwegzumpool.de" target="_blank">www.unserwegzumpool.de</a> und dient einzig und allein der hemmungslosen Selbstbereicherung von eben dem Herrn Griebel und mir. Und weil das, also die Selbstbereicherung, derzeit leider auch noch nicht so recht funktioniert, werden wir in der nächsten Zeit wohl häufiger als nur gelegentlich reinschreiben müssen, d. h. wenn ich wieder mehr Zeit zum Reinschreiben haben werde und nicht immer nur an einem alten und schäbigen Motorrad herum schrauben muss.</p>
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		<title>Ich und die EnBW</title>
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		<pubDate>Sun, 20 Mar 2011 09:09:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Zajac</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die EnBW und ich &#8211; wir sind Freunde. Auf das Herzlichste einander verbunden schon seit Jahrzehnten. Wenn sich unsere Beziehung auch am Anfang recht einfach, da einseitig gestaltete &#8211; ich brauchte Strom, die EnBW hatte Strom, ich verbrauchte Strom und &#8230; <a href="http://www.schriftgeschwindigkeit.de/2011/03/20/ich-und-die-enbw/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die <a href="http://ww.enbw.com" target="_blank">EnBW</a> und ich &#8211; wir sind Freunde. Auf das Herzlichste einander verbunden schon seit Jahrzehnten. Wenn sich unsere Beziehung auch am Anfang recht einfach, da einseitig gestaltete  &#8211; ich brauchte Strom, die EnBW hatte Strom, ich verbrauchte Strom und die EnBW schickte eine Rechnung &#8211; so sollte sie sich im Verlauf der letzten Jahre doch etwas verkomplizieren, wenn nicht sogar verwirren und das kam so: Eines Tages schickte die<span id="more-56"></span> EnBW eine ihrer Rechnungen, die immer so schön übersichtlich sind, dass man sich immer so transparent aufgeklärt fühlt, auf der zum ersten Mal ein so genannter EEG/KWK-Anteil ausgewiesen war, der immerhin einen fast vierprozentigen Anstieg meiner Stromkosten bewirkte. Daraufhin schickte ich der EnBW einen Brief, dass ich nach meiner Erinnerung gar keine erneuerbaren Energien bestellt hätte sondern Strom und deshalb auch den EEG/KWK-Anteil nicht zahlen würde. Die EnBW reagierte ganz entgegen ihre sonstigen Gepflogenheiten mit einer echten Informationsoffensive und übersandte mir viele Broschüren, aus denen hervorging, dass die EnBW gar nicht verantwortlich wäre für meinen EEG/KWK-Anteil, dieser vielmehr eine brancheninterne Umlage sei, welche sich die Stromerzeuger hin- und herüberweisen, je nachdem, wer wie viel Strom aus erneuerbaren Energien in das Stromnetz einspeise und sie, die EnBW, sei nunmal per Gesetz verpflichtet, dieses Geld vom Endverbraucher, also mir, einzutreiben. Daraufhin schickte ich der EnBW einen Brief, indem ich mein Verständnis für die bedauernswerte Lage der EnBW bekundete aber auch erklärte, dass es schon sein könnte, dass die EnBW per Gesetz verpflichtet sei, das Geld bei den Endverbrauchern, also auch von mir, einzutreiben, ich aber nicht per Gesetz verpflichtet sei, es ihr, der EnBW, auch zu geben, denn schliesslich und endlich stünden wir in einem Vertragsverhältnis, welches mich nur verpflichtete, steigende Steuern oder öffentliche Abgaben zu tragen, nicht aber brancheninterne Umlagen. Daraufhin schickte die EnBW noch ein paar zunehmend unfreundlicher werdende Briefe, ich schickte noch ein paar zunehmend unfreundlicher werdende Briefe, was am Sachverhalt und meinem Kontostand jedoch wenig änderte, bis die EnBW einem ihrer Briefe ein Urteil des Bundesgerichtshofes beilegte, aus welchem sinngemäss hervorging, dass ich doch verpflichtet sei, den EEG/KWK-Anteil zu zahlen, denn wenn es diesen zum Zeitpunkt der Vertragsunterzeichnung schon gegeben hätte, was damals nicht der Fall war, ich den EEG/KWK-Anteil ohne Aufhebens akzeptiert und den Vertrag todsicher trotzdem unterschrieben hätte. Da wunderte ich mich über so viel Weisheit unserer obersten Richter, die im Nachhinein wissen konnten, was ich im Vornherein getan haben würde, wenn ich nur gewusst hätte, was im Nachhinein auf mich zukommt, was ich aber im Vornherein nicht wissen konnte und ich überlegte mir, ob es nicht ratsam wäre, vorsichtshalber alle meine Verträge vor der Unterzeichnung zukünftig gleich dem Bundesgerichtshof zu schicken, damit dieser prüfe, was ich zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses im Vornherein alles ahnungslos mitunterzeichnen könnte, das aber erst im Nachhinein wirksam werden würde, wovon ich im Vornherein aber nichts wüsste. Und während ich so überlegte, fühlte ich in mir einen Ärger aufsteigen, fühlte mich geärgert durch die Richter, aber noch viel mehr geärgert durch die EnBW und ich beschloss, die EnBW ab diesem Zeitpunkt konsequent zurückzuärgern, selbst wenn es dazu notwendig sein sollte,  Stromerzeuger zu werden, wozu ich mir gleich drei mit Erdgas zu betreibende Blockheizkraftwerke in den Keller stellen liess. Das war dann gleichzeitig die erste Verkomplizierung unserer bisher sehr einfachen, weil einseitigen Beziehung, denn jetzt brauchte ich Strom, die EnBW hatte Strom, ich hatte auch Strom, ich verbrauchte meinen Strom und noch zusätzlichen Strom von der EnBW, die EnBW kaufte meinen überschüssigen, nicht verbrauchten Strom und schickte für den von mir verbrauchten Strom eine Rechnung mit meinem EEG/KWK-Anteil, den ich ihr überwies und mit dem sie meinen Strom bezahlte. So richtig habe ich das damals schon nicht mehr durchschaut, aber immerhin bildete ich mir ein, die Gleichheit der Waffen sei wieder hergestellt und der Ärger wich der vermeintlichen Gewissheit, die EnBW konsequent zurückgeärgert zu haben, bis eines Tages die Stadtwerke, von denen ich mein zur Zurückärgerung der EnBW benötigtes Erdgas bezog, mir eröffneten, dass sie sich leider genötigt sehen, die Preise für das Erdgas zu erhöhen, da irgendwo in Sibirien vor einem halben Jahr eine Erdölpipeline geplatzt sei, was unweigerlich an den Weltmärkten zu einer Erdölpreiserhöhung geführt habe, die ein halbes Jahr später auch bedauerlicherweise immer zu einer Erdgaspreiserhöhung führen müsse, weil der Erdgaspreis nämlich zeitversetzt an den Erdölpreis gekoppelt sei. Daraufhin schickte ich den Stadtwerken einen Brief, dass ich nach meiner Erinnerung gar kein Erdöl bestellt habe sondern Erdgas, es mir also ziemlich egal ist, ob in Sibirien eine Erdölpipeline geplatzt ist oder nicht und ich deshalb auch die Preiserhöhung zurückweisen müsste, es sei denn, sie, die Stadtwerke, würden mich überzeugen, die Preiserhöhung sei rechtmässig, indem sie mir Einblick in die Verträge mit ihren Vorlieferanten gewährten. Die Stadtwerke schickten mir natürlich keinerlei Verträge zu Einsicht sondern reagierten ganz entgegen ihrer sonstigen Gepflogenheiten mit einer wahren Informationsoffensive und übersandten mir Broschüren und mehrere Testate von Wirtschaftsprüfern, aus denen ich herauslesen sollte, dass mit der Preiserhöhung nicht nur alles rechtens sondern sie auch absolut und zwingend notwendig sei, da die Stadtwerke unter Schmerzen bisher alles unternommen hätten, um der werten Kundschaft, also mir, eine Preiserhöhung zu ersparen, aber jetzt sei einfach ein Punkt erreicht, der wirtschaftliche Druck so gross, da können sie nicht mehr anders und sie baten diesbezüglich um mein Verständnis. Da ich zwischenzeitlich aber erfahren hatte, dass die Stadtwerke gar nicht mehr der Stadt gehörten sondern eigentlich der EnBW, die direkt als auch über dritte Gesellschaften, die wiederum der EnBW gehörten, die Mehrheitsanteile an den Stadtwerken besass, beschloss ich, gar kein Verständnis mehr zu haben und nur noch den alten Erdgaspreis zu zahlen, was ich der EnBW auch schriftlich mitteilte. Daraufhin schickte die EnBW noch ein paar zunehmend unfreundlicher werdende Briefe, ich schickte noch ein paar zunehmend unfreundlicher werdende Briefe, was am Sachverhalt und meinem Kontostand jedoch wenig änderte, bis sich die EnBW wiederum entschloss, mir einen ausserordentlich unfreundlichen Brief zu schicken, in dem sie mir androhte, den Gaszähler abzuklemmen, wenn ich nicht innerhalb einer äusserst knapp bemessenen Frist von nicht ganz einer Woche, den mittlerweile aufgelaufenen Zahlungsrückstand von ca. 4.000 Euro begleichen würde. Und natürlich habe ich den Zahlungsrückstand nicht beglichen und natürlich kam nach einer Woche ein netter Herr von der EnBW, erkundigte sich höflich nach dem Standort des Gaszählers, klemmte diesen ab und verschwand wieder. Und natürlich telefonierte ich daraufhin mit meinem Rechtsanwalt und natürlich beantragten wir eine einstweilige Verfügung, der auch stattgegeben wurde, so dass ich den örtlichen Installateur beauftragen konnte, die Blockheizkraftwerke wieder anzuschliessen und natürlich übernahm die EnBW hierfür die Kosten wie auch schon die Gerichtskosten zuvor.  Und nicht nur weil die stattgebende Richterin sich in ihrer Begründung darüber wunderte, wie nur die EnBW einem Pflegeheim das so dringend benötigte Erdgas abschalten konnte sondern auch um die EnBW wieder einmal gehörig zurückzuärgern, entschloss ich mich, die ganze Sache öffentlich zu machen und sie an die Presse zu geben und gerade als ich mich schon freute, am nächsten Morgen die Schlagzeile: „Herzlose EnBW. Im Pflegeheim gequälte Senioren müssen jetzt auch noch frieren!“ in der Tageszeitung zu lesen, da klingelte doch tatsächlich das Telefon und am anderen Ende war einer der Chefs der örtlichen Erdgas-EnBW, der sich ziemlich geknirscht gab und gar nicht verstehen konnte, wie seine Mitarbeiter so gefühllos waren, ausgerechnet einem Pflegeheim das so dringend benötigte Erdgas abzuschalten und der auf einmal ein sehr dringendes Bedürfnis signalisierte, die ganze leidige Angelegenheit doch endlich im gegenseitigen Einvernehmen aus der Welt zu schaffen. Und weil ich auch noch anderes zu tun habe, als immer nur die EnBW zurückzuärgern, willigte ich ein und so trafen sich die zwei Chefs der örtlichen Erdgas-EnBW bei mir und wir tranken einen Kaffee und trafen eine einvernehmliche Regelung. So fügte es sich, dass eine zweite Verkomplizierung unserer anfangs doch sehr einfachen, weil einseitigen Beziehung eingetreten ist, da ich immer noch Strom brauchte, die EnBW Strom aber jetzt auch Erdgas hatte, das ich der EnBW abkaufte, um Strom zu erzeugen, den ich teilweise selbst verbrauchte aber auch teilweise wieder an die EnBW zurückverkaufte, wofür ich der EnBW eine Rechnung stellte und die EnBW mir zwei Rechnungen stellte, eine für Erdgas und eine weitere für den von mir noch zusätzlich verbrauchten Strom mitsamt EEG/KWK-Anteil, den ich der EnBW überwies und mit dem sie meinen Strom bezahlte.</p>
<p>Und so machte ich denn meinen Frieden mit der EnBW, aber natürlich war dieser nur vorübergehender Natur, denn im letzten Dezember musste ich dann in der Zeitung lesen, dass der <a href="http://www.stefan-mappus.de/" target="_blank">Herr Mappus</a> beschlossen hatte, die EnBW von den <a href="http://france.edf.com/france-45634.html" target="_blank">Franzosen</a> zurückzukaufen. Das sorgte dann für die dritte Verkomplizierung meiner anfangs doch sehr einfachen, weil einseitigen Beziehung mit der EnBW, da der Herr Mappus die EnBW natürlich nicht für sich selbst, also für sich persönlich, gekauft hatte sondern als Chef der örtlichen Landesregierung die EnBW sozusagen stellvertretend, in unserem Namen für uns, also auch für mich, gekauft hatte und ich damit jetzt nicht nur drei Blockheizkraftwerke mein eigen nennen konnte sondern gleich auch noch vier Atomkraftwerke, einige Steinkohlekraftwerke, Wasserkraftwerke, Pumpspeicherkraftwerke, Gaswerke, Strom- und Gasleitungen sowie mehrere Trafohäuschen. Durch die Transaktion des Herrn Mappus war ich gleichsam über Nacht zum drittgrössten Energieversorgungsunternehmen Deutschlands aufgestiegen, ich war jetzt Konzern und gleichzeitig irgendwie doppelt, denn ich brauchte Strom, mein Konzern-Ich hatte Strom aber auch Erdgas, das ich mir abkaufte, um Strom zu erzeugen, den ich teilweise selbst verbrauchte aber auch teilweise wieder an mich zurückverkaufte, wofür ich meinem Konzern-Ich eine Rechnung stellte und mein Konzern-Ich mir zwei Rechnungen stellte, eine für Erdgas und eine weitere für den von mir zusätzlich verbrauchten Strom mitsamt EEG/KWK-Anteil, den ich mir überwies und mit dem ich meinen Strom bezahlte. Also so langsam verlor ich ja, das muss ich ehrlich zugeben, was die Beziehung zu der EnBW oder die Beziehung zu uns oder zu mir oder zu wem auch immer anging, den Überblick und da war ich ziemlich froh, dass der Herr Mappus die ganze Angelegenheit nach wie vor fest im Griff hatte. Denn schon im Vornherein des Erwerbs hatte der Herr Mappus raffinierterweise mit dafür gesorgt, dass die Laufzeiten der Atomkraftwerke verlängert wurden, weil &#8211; wie ja jeder weiss &#8211; die Atomkraftwerke die eigentlichen Goldesel der EnBW sind und mit ihren kräftigen Gewinnen massgeblich dazu beitragen sollten, den Erwerb der EnBW durch den Erwerb der EnBW selbst zu finanzieren, indem diese Gewinne als Zins und Tilgung für die geliehene Kaufsumme von ca. 4,7 Milliarden Euro aufgewendet werden sollten. Da kann mal sehen, wie schlau der Herr Mappus ist und wie blöd die Franzosen sind, die vom Herrn Mappus dazu noch viel weniger für die EnBW bezahlt bekommen haben, als die Franzosen dereinst selbst für die EnBW bezahlt haben. Und wie ich so dasass und mir überlegte, wie clever der Herr Mappus ist, dass er einfach die Laufzeit der EnBW verlängert hat, um die EnBW für mich kaufen zu können und ich begriff, dass der Wert der EnBW also massgeblich durch die Laufzeiten der Atomkraftwerke bestimmt ist, die ja durch die Politiker mal gekürzt, mal verlängert werden, gerade so, wie es ihnen passt, da dämmerte in mir die Erkenntnis, dass die Franzosen genau über das, was ich gerade nachdachte, wohl auch nachgedacht haben, bevor sie dem Herrn Mappus, also mir, die EnBW verkauften, denn wenn der Herr Mappus mal nicht mehr der Chef der örtlichen Landesregierung sein sollte und sein Nachfolger mal wieder eine Verkürzung der Laufzeiten beschliessen würde, dann könnten die Franzosen viel weniger Gewinn mit der EnBW machen, wiewohl auch nie mehr ein so guter Kaufpreis für die EnBW zu erzielen wäre, wie der, den der Herr Mappus den Franzosen gezahlt hat. Dass ausgerechnet der Herr Mappus bereits vier Monate nach dem Kauf schon <a href="http://www.sueddeutsche.de/politik/anteile-am-energiekonzern-enbw-ein-bombengeschaeft-fuer-baden-wuerttemberg-1.1073650" target="_blank">zwei Atomkraftwerke abschaltete</a>, um doch noch die Wahlen zu gewinnen, konnten die Franzosen ebenso wie der Herr Mappus im Vornherein natürlich nicht wissen. Das Verhalten des Herrn Mappus zeigte aber, so dachte ich mir, dass die Franzosen gar nicht so blöd waren, wie mancher annahm, da sie mit ihrer grundsätzlichen Einschätzung der Lage Recht behielten und somit mir und allen anderen Baden-Württembergern, seien sie EnBW-Kunden oder nicht, eine weitere Verkomplizierung unserer anfangs sehr einfachen, weil einseitigen Beziehung zur EnBW entstanden ist, da wir wohl die Zeche zahlen werden für den seinerzeitigen Chef der örtlichen Landesregierung, der sich so furchtbar gern wiederwählen lassen wollte und sich deshalb im September als Macher präsentierte, der sich vehement für die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke einsetzte, um dann im Dezember mal eben so einen Atomkonzern zu kaufen, den keiner braucht, und bereits schon im März die Rentabilität des teuer eingekauften, weil laufzeitverlängerten Konzerns wieder zerstört, indem er Atomkraftwerke abschaltet, die ihm die Refinanzierung seines Deals garantieren sollten und somit den grösstmöglichen Flurschaden seines Ego-Trips allein den Steuerzahlern hinterlässt.</p>
<p>Da wäre es mal besser gewesen, der Herr Mappus hätte den Kaufvertrag über die EnBW gleich an den Bundesgerichtshof zur Prüfung geschickt, denn die hätten ihm ganz bestimmt schon vorher sagen können, was man sich mit so einem Vertrag im Nachhinein alles einhandeln kann, von dem man im Vornherein bei der Unterzeichnung noch gar nichts wusste.</p>
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		<title>Das perfekte Produkt</title>
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		<pubDate>Mon, 28 Feb 2011 09:59:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Zajac</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Es ist schon eine Weile her, da liess eine an und für sich belanglose Pressemeldung kurz aufhorchen. Eine New Yorker Fotokünstlerin hatte einen Hamburger nebst Pommes Frites bei einem bekannten Bulettenbratkonzern erworben &#8211; allerdings nicht um denselben zu verköstigen, sondern &#8230; <a href="http://www.schriftgeschwindigkeit.de/2011/02/28/das-perfekte-produkt/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es ist schon eine Weile her, da liess eine an und für sich belanglose <a href="http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/ein-burger-der-nicht-verschimmelt/1958614.html">Pressemeldung</a> kurz aufhorchen. Eine New Yorker Fotokünstlerin hatte einen Hamburger nebst Pommes Frites bei einem bekannten Bulettenbratkonzern erworben &#8211; allerdings nicht um denselben zu verköstigen, sondern um seinen Verfall fotographisch zu dokumentieren.<span id="more-37"></span> Was die Künstlerin sich dabei gedacht hat oder was daran so spannend oder künstlerisch wertvoll sein soll, einem Burger beim Verschimmeln zuzuschauen, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedoch tat sich, so schildert es die Fotographin, während des insgesamt sechsmonatigen Beobachtungs- und Dokumentationszeitraumes dennoch Erstaunliches. Es tat sich nämlich so gut wie nichts. Der Burger stellte nach nur einem Tag die Ausdünstung von bulettentypischen Aromen ein, verlor durch Austrockung ein wenig an Volumen und verweigerte sich anschliessend beharrlich der Verrottung. Selbst die Hunde der New Yorkerin schienen keinen Gefallen daran finden zu können, dieses aus der Zeit gefallene Bulettenbrötchen der kulinarischen Verwendung anheimzustellen. Ein Burger für die Ewigkeit.</p>
<p>Nun gibt es wohl kaum eine „Mahlzeit“ oder ein „Lebensmittel“, das im Laufe seiner verhältnismässig kurzen Geschichte von circa 100 bis 160 Jahren &#8211; so genau weiss nämlich <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hamburger">keiner</a>, wann das kulinarische Kulturgut „Hamburger“ das Licht der Welt erblickte &#8211; solch vielfältigen und gnadenlos effizienten Optimierungsprozessen unterworfen wurde, wie eben der Hamburger. Der heutige Hamburger ist deshalb auch kein banales Bulettenbrötchen mehr. Der heutige Hamburger ist das perfekte Produkt. Optimiert nicht nur hinsichtlich Geschmack, Aussehen, Geruch, Konsistenz und Haptik entlang der Erkenntnisse von Marktforschung und Kundenanalyse, sondern auch effizient produziert nach den modernsten Massgaben der Massenherstellung, der Automatisierung und Hygiene; vermarktet nach dem aktuellsten Wissenstand von Psychologie, Soziologie, Demografie und Ethnologie als auch beworben in Film, Funk, Print, web 1.0 und 2.0. Das perfekte Produkt ist billig herzustellen, immer wiedererkennbar, passt sich den unterschiedlichsten sozio-kulturellen Bedingungen an, ist immer und überall gleich, da es immer und überall die gleichen Erwartungen erfüllen soll und muss, die es &#8211; das perfekte Produkt &#8211; selbst geweckt hat. Das ist ein langer Weg, den der Hamburger inzwischen zurückgelegt hat: von der Hausmannskost aus den ersten amerikanischen Imbissbuden hin zu den konzernialisierten Massenprodukten heutiger Prägung. Und jetzt verrotten die Dinger noch nicht einmal mehr.</p>
<p>Das Prinzip des perfekten Produktes ist ein äusserst erfolgreiches Prinzip. Und weil es so erfolgreich ist, wurde und wird dieses Prinzip kopiert, verfeinert und immer weiter entwickelt. Es bleibt nicht stehen bei den Fastfoodketten sondern expandiert nach und nach in alle Bereiche des täglichen Leben. Schon heute halten im Einzelhandel Konzerne mit einem Jahresumsatz von über 2,5 Milliarden Euro einen Marktanteil von 53 %, der nach Ansicht der <a href="http://www.ehi.org/index.php?218&amp;type=98&amp;backPID=218&amp;productID=139&amp;pid_product=207&amp;detail=">Experten</a> in den nächsten Jahren noch auf etwa 80 % anwachsen wird. Eine Entwicklung, die im Lebensmitteleinzelhandel schon vorweggenommen worden ist, dort beträgt der Marktanteil der großen acht Handelsunternehmen bereits 98 %. Das perfekte Produkt erobert unsere Innenstädte, wohnt in unseren Gewerbegebieten, gewinnt immer mehr an Boden auch im ländlichen Raum und bemächtigt sich in rasender Geschwindigkeit des Internets. Das Prinzip des perfekten Produktes macht es uns einfach: Es erleichtert uns die Orientierung, es schafft gleiche Läden, gleiche Innenstädte, gleiche Gewerbegebiete, gleiche Dörfer und ein zunehmend gleichgeschaltetes Internet. Wir sollen nicht denken, wir sollen kaufen. Wir sollen nicht auswählen, wir sollen glauben, auserwählt zu sein, um kaufen zu dürfen. Wir Auserwählten in einer perfekten Welt, in welcher uns im Gleichen immer nur dasselbe begegnet. Dieselben Geschmäcke, dieselben Bilder, dieselben Gerüche, dieselben Töne und Empfindungen, hervorgerufen durch die immer gleichen perfekten Produkte, die uns schon zu Erfahrungsprothesen geworden sind, da wir darüber hinaus immer weniger erleben oder erfahren, das nicht bereits für unser Erfahren und Erleben angepasst, optimiert und industriell vorproduziert worden ist.</p>
<p>Die perfekte Welt der perfekten Produkte ist ein Ort, an dem die menschlichen Bedürfnisse an die Produkte und Dienstleistungen angepasst werden und nicht umgekehrt, da der permanente Prozess der Optimierung dieser Produkte zwingend voraussetzt, dass die Erwartungshaltung ihrer Konsumenten fortwährend überwacht, gesteuert und beherrscht wird. Perfekte Produkte schaffen ihre eigenen Produkte: die perfekten Konsumenten. Wem lange genug eingetrichtert worden ist, dass Tomaten so schmecken, wie sie nun einmal in deutschen Supermärkten schmecken, erwartet nichts anderes mehr. Wer tatsächlich der immer oberflächlicheren Wahlwerbung oder der Bildzeitung glaubt, moderne Politiker müssten charismatisch, omnipotent, gutaussehend, dynamisch, „irgendwie anders“, mehr Erlöser-Model als Sachpolitiker sein und auch schon der weitestgehend sinnfreien „Yes We Can“- Marketingmasche eines Barack Obama aufgesessen ist, wird das Produkt Guttenberg nicht mehr hergeben wollen, gerade weil es so perfekt in die industriell vorgefertigte Bedarfslücke passt.</p>
<p>Nun kann man einwenden, Blendwerk, Marketing und Werbung habe es in der einen oder anderen Form immer schon gegeben. Und natürlich stimmt das. Was die derzeitige Entwicklung aber aussergewöhnlich bzw. aussergewöhnlich gefährlich macht, sind im Wesentlichen drei Kennzeichen.</p>
<p>Die Methoden der Erwartungserweckung, der Manipulation, werden aufgrund moderner Technologien immer ausgeklügelter und effizienter. Smartphones, Internet, GPS und Cloud Computing liefern interessierten Datensammlern jeden Tag zig Milliarden Informationen, welche von immer perfekteren Algorithmen ausgewertet werden. Es ist kein Geheimnis, dass beispielsweise Google die eMails, die via Google Mail versandt werden, routinemässig öffnet und nach werberelevanten Daten durchforstet. Wie auch allseits bekannt ist, dass der schwindelerregende Wert von <a href="http://boerse.ard.de/content.jsp?key=dokument_512698">50 Milliarden Dollar</a> auf den facebook geschätzt wurde, allein in der Flut der in diesem sozialen Netzwerk angehäuften Nutzerdaten begründet ist.</p>
<p>War das Prinzip des perfekten Produktes noch vor einigen Jahrzehnten auf wenige Branchen beschränkt, entwickelte es sich über Jahrzehnte von Wienerwald bis zu McDonalds, durchdringt es mit zunehmender Geschwindigkeit derzeit beinahe alle Wirtschaftszweige, vom kleinsten Milchbauernhof über den Handel, den Dienstleistungsbranchen, dem produzierenden Gewerbe bis hin zu den Global Playern in der Automobil- oder Finanzbranche.</p>
<p>Begleitet werden diese beiden ersten Kennzeichen durch das Merkmal der Konzernialisierung &#8211; global als auch national. Die Grossen fressen die Kleinen. Immer weniger und grössere Konzerne haben immer mehr Kunden.</p>
<p>Zusammenfassend lässt sich feststellen: Immer weniger Menschen manipulieren die Bedürfnisse von immer mehr Menschen mit immer effizienteren und besseren Methoden und gewinnen dadurch immer mehr an Macht.</p>
<p>Vorausschauend lässt sich befürchten, dass dieser Prozess noch an zusätzlicher Dynamik gewinnen wird und an seinem vorläufigen Ende sehr wenige Menschen über so viel Macht verfügen werden wie noch nie zuvor in der Geschichte.</p>
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